Für die Gestaltung des österreichischen Beitrags wird seit 2021 regelmäßig ein offener Wettbewerb ausgeschrieben. Der Bund ruft Kuratorinnen und Kuratoren, Architekt:innen sowie Kunst- und Kulturschaffende zur Teilnahme an diesem Projektwettbewerb auf. Eingereichte Konzepte durchlaufen ein dreistufiges Auswahlverfahren und werden dabei von einer Fachjury aus nationalen und internationalen Expert:innen beurteilt. Eine abschließende Nominierung sowie die Festlegung der Kuratierung erfolgte diesmal auf Grundlage der Juryempfehlung durch den Bundesminister für Kunst und Kultur Andreas Babler.
Österreich ist eines der wenigen Länder, die den Länderbeitrag über eine öffentliche Ausschreibung auswählen. Das bietet vielen eine Chance, sich mit einem aktuellen und relevanten Thema auseinander- und durchzusetzen. Auch deshalb ist der Bewerb immer wieder ein Seismograf der österreichischen Architekturszene.
Für 2027 präsentierten Ajna und Adna Babahmetović zusammen mit Sebastian Höglinger die Idee, Bosnien und Herzegowina, ein Land ohne bisherige Repräsentanz auf der Biennale, ins Zentrum des österreichischen Beitrags zu rücken. Die politische Dimension ihres Beitrags ist ebenso beeindruckend wie spannungsreich.
Vizekanzler Andreas Babler formulierte heute auf einer entsprechenden Pressekonferenz zur Entscheidung, dass Bosnien und Herzegowina, als nicht abschließend ausgehandeltes Feld, enormes exemplarisches Potenzial habe. Dass deren Diaspora in Österreich ein bedeutender Teil der Gesellschaft ist und dass die damit etablierte Situation stellvertretend für ein zukünftiges Europa stehen könnte, hebt er besonders hervor. Ausschlaggebend war zudem der interdisziplinäre Ansatz des Teams und des Konzepts an sich. Babler sprach vom „diplomatischen Parkett“, in das sich der Pavillon in den Giardini zwischen Mai und November 2027 verwandeln wird. Das entspräche der „außenpolitischen Tradition Österreichs – als Land des Dialogs, der Vermittlung und der Neutralität“.
Die Kurator:innen schlagen vor, den Raum im Hoffmann-Pavillon mit einem Nachbau des Foyers eines der berühmtesten Hotels Sarajevos zu bespielen und in diesem Setting sowohl die politische Situation als auch deren immanenten ethnischen Konflikte zwischen Unabhängigkeitsansprüchen und Post-Dayton-Abkommen-Szenario zu betrachten. Da es bis dato keinen bosnischen Pavillon auf der Biennale gibt, steht auch die Frage nach dessen Dringlichkeit zur Diskussion.
Gestalterisch schlägt das Team aus Architektinnen und Filmemacher eine Mischung aus Kulisse und Simulation vor: „Markante Elemente der Lobby des Holiday Inn in Sarajevo, das 1984 anlässlich der olympischen Winterspiele von Ivan Štraus entworfen wurde, werden als fragmentarische 1:1-Replica in die Räume des Hoffmann-Pavillons eingeschrieben“, formuliert man im Konzept. Das auffällige geometrische Muster des Fliesenbodens sowie verschiedene Baldachin-artigen Elemente, unter denen sich die Gäste des Hotels damals aufhalten konnten, sollen die Atmosphäre der Hotellobby nach Venedig holen. Dabei will man die Lobby als mehrfach überschriebenen Ort aufleben lassen, an dem gleichfalls glamouröse Gäste ein und aus gingen, wie auch der Krieg deutliche Spuren hinterließ.
Alle drei Kurator:innen verbindet eine langjährige Tätigkeit in Graz. Ajna und Adna Babahmetović studierten an der TU Graz, sind in der steirischen Architekturszene mit ihrem Blick auf die Hintergründe der Entwicklungen auf dem Balkan aufgefallen und gehören seit Jahren zu den Shootingstars der jungen steirischen Szene, mit viel Engagement in unabhängigen künstlerischen und architektonischen Initiativen. Mittlerweile arbeiten beide im akademischen Umfeld, an der TU Graz und der TU Wien, und etablieren ihr eigenes Studio. Sie sind interdisziplinäre Kunst- und Kulturschaffende, deren Praxis sich an der Schnittstelle von Kunst, Architektur, Raumforschung und gesellschaftspolitischen Fragestellungen bewegt.
Im Team mit dem ehemaligen Diagonale-Leiter Sebastian Höglinger schlagen die beiden Architektinnen diskursive und multimediale Zugänge zu einem politisch aufgeladenen Thema vor. Das liest sich genauso vielversprechend wie unkonventionell und ambitioniert. Dabei sehen die Kurator:innen ihren Vorschlag allen voran als „Verhandlungsraum“ für Austausch, Wissenstransfer und Netzwerk. Er soll zwei Staaten mit vielfachen Verflechtungen verbinden, die sich in gemeinsamer Geschichte, Arbeitsmigration, Nachkriegserfahrungen, wirtschaftlichen Beziehungen und einer Diaspora spiegeln, die längst Teil der österreichischen Gesellschaft ist. Ajna und Adna Babahmetović mit Sebastian Höglinger planen keine statische Ausstellung, sondern „einen offenen und partizipativen Research-Prozess“. Der Pavillon dient als Verhandlungsraum und wird mit einer Abfolge von Summits, bilateralen Gesprächen, Filmprogrammen und öffentlichen Rahmenveranstaltungen über den gesamten Zeitraum der Architekturbiennale genutzt. Die angestrebte Unterzeichnung eines „Biennale Participation Request“ für die Teilnahme Bosnien und Herzegowinas an der Architekturbiennale Venedig 2029 mag momentan noch wie eine Utopie erscheinen, eröffnet aber das Diskursfeld über Formate von Biennalen und Länderrepräsentation in einem unter dem Druck weltpolitischer Verschiebung stehenden Europa.
Ob ein Europa-Pavillon oder ein völlig staatenunabhängiges Setting nicht die vielen einzelnen über kurz oder lang ersetzen müsste, wird eventuell nur Randthema, aber warum sollte das nicht eine der notwendigen und dringlichen Fragen sein, die im Kontext zukünftiger Biennalen zu stellen ist?