25/09/2025

Ein europaweiter Report des ACE stellt dar, wie nationale Architektur-Auszeichnungen etwaige Rahmenwerke wie Level(s), das Neue Europäische Bauhaus (NEB), die Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD) und Kriterien der Baukultur nach Davos einbeziehen. Ebenfalls untersucht wurde, wie Architekturpreise effektiver genutzt werden könnten, um insgesamt die Qualität der Architektur in Europa anzuheben. 

Der Report steht am Ende des Textes zum Download zur Verfügung. 

25/09/2025

© ACE, Peer Learning Group Report on Architecture Awards as Instruments of Systemic Change.

Architekturpreise und -awards sind begehrt. Als Auszeichnung der eigenen Arbeit und als Werkzeug hoher Sichtbarkeit im großen Feld der Konkurrenz. Man schmückt sich und man zeigt sie her. Statistisch – und nicht nur gefühlt – ist die Anzahl der Einreichoptionen in den vergangenen 10 Jahren stark gestiegen. Das hat auch der ACE, der Architect's Council of Europe beobachtet und einen entsprechenden Report zum Thema "Architekturpreise als Instrument des systemischen Wandels" verfasst. Der ACE ist co-funded durch die Europäische Union im Rahmen des Creative Europe Programms und widmet sich in regelmäßigen Abständen europaweit relevanten Aspekten. Beteiligt an dem Report waren Architekt:innen und Vertreter:innen aus der gesamten EU.

Kernpunkte des Reports

Anhand von Fallstudien werden Entwicklungen begleitet, die nach Ehrung mit einem Award für Architekt:innen erfolgten. Ob die schiere Anzahl an Preisen für einen individuellen Erfolg einzelner Büros eine entscheidende Auswirkung hatte stand dabei weniger im Mittelpunkt, als die Frage, welche architektonischen Themen durch Auszeichnungen Sichtbarkeit und Relevanz erhielten. Die Kernthese des Reports lässt sich auf folgende Sätze aus dem Vorwort komprimieren: "Architekturpreise haben eine Funktion, die weit über die berufliche Anerkennung hinausgeht. Sie setzen Maßstäbe für Qualität, Nachhaltigkeit, Inklusivität und kulturellen Wert. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, die berufliche Praxis zu gestalten, die Politikgestaltung zu beeinflussen und die Erwartungen der Öffentlichkeit in Bezug auf die gebaute Umwelt zu beeinflussen." Architekturpreise seien demnach eine Art Lupe oder Scheinwerferlicht, in dem sich vorbildliche Beispiele für herausragende Leistungen identifizieren und öffentlich verbreiten lassen. Damit, so der Report, "können Auszeichnungen innovative Lösungen hervorheben und deren Nachahmung in ganz Europa fördern", was in Summe die Architekturqualität europaweit anheben würde. Mit diesem Fokus richtet sich der Report beispielsweise an politische Entscheidungsträger. Statt Wettbewerb vor der Bauphase stellen die Awards mittlerweile eine ganz eigene Ebene des Wettbewerbs nach der Bauphase dar.

Einschätzung und Kritikpunkte

Das Ergebnis beschreibt einen Querschnitt durch die Vergabepraktiken etablierter Architekturpreise in Europa und ist ein Versuch einer Diskussion darüber, inwieweit die Vergabekriterien dieser Preise die Klimaleistung, das Wohlbefinden der Nutzer und den sozialen Wert des Gebauten widerspiegeln – oder widerspiegeln könnten.

Der Report ist reichhaltig. Einzelaspekte zeigen zusammengelesen ein gutes Bild nicht nur über den Stand der Preisverfahren und deren Vergabekriterien, sondern auch der allgemeinen Diskussion, die vielen gesellschaftsrelevanten Themen, die die europäische Architekturszene stark herausfordern. Besonders die Fragen-Antworten-Diskussion auf den Seiten 106 bis 108 führen über eine reine Analyse hinaus. Die in diesem Abschnitt vorgestellten Fallstudien basieren auf Diskussionen und beziehen Erkenntnisse zu Gender-Perspektiven bei Auszeichnungen sowie zu strukturellen Herausforderungen im Ökosystem der Auszeichnungen ein. Notwendig wäre es, wenn diese in allen Auszeichnungsfeldern – also nicht nur in der Architektur, denn selbst der Nobelpreis hat ein historisch zementiertes Genderproblem – Verfahrensänderungen herbeiführten. Ein Effekt des ACE-Reports bisher? Mehrere Auszeichnungsorganisatoren, die in den Fallbeispielen genannt sind, hätten während des Projekts begonnen, ihre Kriterien zu überarbeiten.

Ungelöst scheint das Problem eklatanter "Lücken in den Bereichen Verifizierung, Feedback und Reproduzierbarkeit." Zum Ende wird auch deshalb eine Menge an Empfehlungen formuliert. Zum Beispiel bezüglich einer konstruktiven Feedbackkommunikation als fester Verfahrensbestandteil bei Preisvergaben oder bezüglich divers aufgestellten Juries. 

Meinung

Es lohnt sich bis zum Schluss zu lesen. Im Appendix 8—The other side of the Architectural Awards ab Seite 138 werden negative Aspekte des Preisfanatismus benannt. Spannend aus Sicht der GAT-Redaktion außerdem, dass im Report fehlende Ressourcen in Architekturinstitutionen angemerkt werden, die letztlich zu weniger anspruchsvollen und weniger wertvollen Auszeichnungen führen. Wir lesen darin einen Aufruf, die Szene nicht mit x-beliebigen weiteren Awards zu überschwemmen, sondern eher komplexere und intensivere sowie objektivere Auszeichnungsverfahren mit mehr Finanzen auszustatten, damit sich deren Auswirkung auf die Qualität und die Reputation der gebauten Umwelt stärken lässt. Architekturpreise dürfen mehr als nur Imagepflege sein. Sie sollten Diskursräume öffnen und Maßstäbe setzen.

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