Anupama Kundoo ist eine Ausnahmeerscheinung in der zeitgenössischen Architektur. 1967 im indischen Pune geboren, studierte sie in Mumbai Architektur. Wie auf allen einschlägigen Universitäten, Akademien und Ausbildungsstätten dieser Welt wurden vor allem die Architekten der klassischen Moderne und die fortschrittlichen Baumethoden des Westens gelehrt. Überväter wie Mies van der Rohe, Le Corbusier und Louis Kahn, die mit Stahlbeton, Stahl und Glas eindrucksvolle Architektur schufen. Nach ihrem Studium fand sich Kundoo in einem Berufsalltag wieder, der genau jene Hochhäuser produzierte, die in Mumbai gerade in großer Zahl entstanden und das Wohnen unerschwinglich machten. Kundoo wollte weder der Immobilienwirtschaft zuarbeiten, noch den Großteil ihres Einkommens für das Wohnen ausgeben müssen. Ihre Vision von Architektur war eine andere, sie hatte viel mit Kreativität, räumlichem Reichtum, Schönheit, Naturbefinden und Wohlbefinden zu tun.
Die junge Frau wollte ihre postkoloniale Ausbildung abschütteln und machte sich auf die Reise durch ihre Heimat Indien. Sie entdeckte eine Ziegelbautradition, die 3.800 Jahre alt war, eine reiche Handwerkskultur und landete in Auroville. Diesen Ort des lebenslangen Lernens hatte Architekt Roger Anger fußgängerzentriert für eine egalitäre Gemeinschaft von rund 3.300 Menschen aus 60 Nationen entworfen, 1968 wurde die utopische Planstadt eröffnet. Als 23-jährige gründete Anupama Kundoo dort ihr Büro und wohnte in einer rudimentären Holzhütte in Petit Ferme. Sie schlief auf einer Galerie mit Strohmatten unter einem steilen Dach, die Konstruktion aus Pinienholz war mit Seilen aus Kokosfasern verbunden, der Granitsteinsockel schützte vor Termiten und Feuchtigkeit, der Strom kam von einem Solarpanel auf dem Dach, was damals – 1990 – noch sehr selten war. Es ist charakteristisch für Anupama Kundoo, dass sie die gelebte örtliche Baupraxis mit moderner Technologie verband.
Diese kleine Hütte ist am Beginn der Ausstellung „Reichtum statt Kapital“ im Architekturzentrum Wien nachgebaut. Leider ist es verboten, die Leiter unters Dach hinaufzuklettern. Auf Fotos von Baustellen dieser Zeit ist Kundoo immer mit Zeichenblock zu sehen. Der Respekt vor dem Handwerk, wertschätzender Austausch auf Augenhöhe, kreative Zusammenarbeit und die gemeinsame Entwicklung neuer, unkonventioneller Lösungen sind bis heute wesentliche Bestandteile ihrer Arbeit. Kundoo baut vor allem mit dem Vorgefundenen und verweigert sich in hohem Maß der Bauindustrie. Denn normierte Materialien sind oft überdimensioniert, allein das führt zu Verschwendung. Dazu kommen die weiten Transportwege. Werden hingegen lokale Baumaterialien genutzt, deren Anwendung vertraut und bekannt ist, gibt es so gut wie keinen Abfall.
Kundoos Arbeit ist stark mit dem Ort, den dortigen Menschen und der Natur verbunden. Sie fußt auf Beziehung. Für die beiden Kuratorinnen Angelika Fitz und Elke Krasny ist sie ein Gegenmodell zur globalen Produktion von Kommerzarchitektur, die zunehmend von Gewinnstreben diktiert wird. Die beiden bringen das auf die griffige Formel „Form folgt Geld.“ Effizienz ist in dieser Logik ein hoher Wert, der sich vor allem durch die Nutzung moderner Bautechnologie erreichen lässt. Die Verschwendung von Ressourcen und die Ausbeutung von Arbeitskräften ist diesem System immanent. Kundoos Werk hingegen steht für Fitz und Krasny für eine andere Art von Architektur. Eine ökologische, materielle und räumliche Verkörperung von Fülle, deren Reichtum in der neuartigen Verwendung von Materialien und Techniken liegt, die lokal im Überfluss vorhanden sind. Die Ausstellung vermittelt das in den acht Dimensionen Wissen, Material, Lösungen, Ansprüche, Unterschiede, Großzügigkeit, Natur und Erholung.
Diese Aspekte zeigen sich besonders deutlich an den beiden eigenen Häusern im Leben von Anupama Kundoo – der kleinen Hütte in Petit Ferme und dem Wall House, das genau genommen ein Objekt angewandter Bauforschung ist. An ihm probierte Kundoo viele prototypische Lösungen aus. Ein Teil des Hauses ist in der Ausstellung im Maßstab 1:1 nachgebaut. Kundoo und ihr Team gestalteten sie selbst außerordentlich sinnlich. Unterschiedliche Sitzmöglichkeiten, Pflanzen und natürliche Materialien, deren Farben, Haptik und Geruch sehr ansprechend sind, erzeugen die entspannende Atmosphäre, die Kundoos Architektur ausmacht. „Das Leben ist hart“, sagt sie. „Also soll die Architektur beruhigen und das Gefühl von einer Art Zuhause vermitteln.“
Als Bauherrin und Architektin in Personalunion konnte sie ihr „Wall House“ als Experimentierfeld für die Anwendung unkonventioneller baulicher Lösungen nutzen. So besteht das Dach aus lauter konusförmigen Terrakotta-Formen, die vor Ort von lokalen Handwerkern und Handwerkerinnen manuell gefertigt und ineinander gesteckt wurden. Die konische Form erzeugt ganz von selbst den Bogen des Tonnengewölbes, der nun das Dach bildet. Die Zwischengeschossdecke hingegen ist ein Hybrid aus umgedrehten Tontöpfen und Beton. Erstere bilden Hohlräume, erleichtern das Gewicht und minimieren den Materialaufwand des Stahlbetons. Diese Deckenkonstruktion wandte Kundoo später auch bei einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt an.
Ihre „Full Fill Homes“ bestechen mit bemerkenswert eleganten, dünnwandigen Betonelementen, die sich verschieden kombinieren und auch als Stauräume nutzen lassen. Die dünnen Querschnitte erreichte Kundoo damit, dass sie Bewährungseisen durch Maschendraht ersetzte, was wesentlich weniger Material erfordert. Einige dieser Elemente sind leuchtend rot oder gelb, mit Farben experimentiert Kundoo oft. In der Ausstellung sieht man die natürlichen Pigmente und die damit gefärbten Betonproben. So wird die Schau auch eine Entdeckungsreise in die weite Welt der Materialexperimente. Besonders faszinierend sind die freundlichen Freiwilligenhäuser für obdachlose Kinder und ihre Pflegeeltern, die wie Iglus rund geformt sind. Diese werden aus noch ungebrannten Lehmziegeln und Lehmmörtel auf einer Holzstruktur errichtet, deren Innenraum mit weiten Ziegeln und Keramikprodukten gefüllt wird. Dann wird das Haus zum Ofen. Das Feuer im Inneren brennt seine Lehmziegel und Mörtel, die dadurch die Festigkeit von Ziegeln erreichen. Ganz nebenbei entstehen dabei weitere neue Ziegel, Tontöpfe und Keramik.