Es mehren sich die Anzeichen, dass die Fingerfertigkeit des Menschen nachlässt; erst kürzlich berichtete die Direktorin des Wiener Kindermuseums Zoom[1], dass Kinder immer öfter Probleme mit feinmotorischen Handgriffen hätten, manche Sechsjährige keine Schere mehr halten könnten. Andere Beobachter erzählen, dass Tafelklassler nicht in der Lage seien, sich die Schuhe zu binden.
Zu einem Teil dürfte dies wohl auch am beliebtesten, nicht-pharmazeutischen Beruhigungsmittel der heutigen Erziehung liegen: dem Tablet. Die sprachliche Verwandtschaft zur Tablette scheint in diesem Zusammenhang konsequent. In verkleinerter Form genügt auch das Smartphone der Erwachsenen. Beide scheinen für immer längere Zeiträume die Zuwendung der Eltern ersetzen zu können. Dabei weiß man oft kaum, was bedrohlicher wirkt: der bloße Anblick dieser Geräte in den Händen von Kleinkindern oder die konzentrierte Beharrlichkeit, mit der bereits Zweijährige über die Glasscheiben tappen und wischen.
Hände sind essenziell für unseren Umgang mit der Umwelt: nicht umsonst nennt unsere Sprache den Vorgang der Einsicht „begreifen“. Greifen, hantieren und handhaben sind unumgänglich für die menschliche Auseinandersetzung mit der Umgebung, insbesondere mit ihrer Materialität und ihrem Raum. Die sich bis in unsere Hände verbreitenden Touchscreens scheinen nun eine evolutionäre Rückwärtsbewegung einzuleiten: von der Hand als universellem Werkzeug und Gestenmittel zur Pfote. Die Pfote ist überwiegend ein Fortbewegungsmittel, mittels der das Tier über den Boden streift und nach Essbarem scharrt.
Die freie Hand, die ein Orchester ebenso dirigieren, wie eine Skizze zeichnen oder ein Modell bauen kann, geht sogar noch über das Greifen hinaus und scheint dem Menschen vorbehalten. In der etwas nebeligen Sprache der Postmoderne beschreiben Deleuze und Guattari das wie folgt: „Die Hand ist nicht nur eine deterritorialisierte ehemalige Pfote, sondern die freie Hand ist deterritorialisiert im Vergleich zur Hand des Affen, die zum Greifen und zur Fortbewegung dient.“[2]
Im Falle der Wischbewegungen über die glatten Oberflächen von Tablets und Smartphones handelt es sich also um eine Reterritorialisierung zweiten Grades, weil sie sogar hinter das Greifen zurückgehen. Hinzu kommt, dass die Glasfläche, auf der die menschliche Pfote heutzutage stundenlang nach links, nach rechts, nach oben und nach unten gleitet, zugleich mit einem nahezu unerschöpflichen Speicher und Generator von Bildern verbunden ist – einem Spektakel, das durch Werbung finanziert und nach den Regeln des Konsums entworfen wird.
Nicht nur deshalb gehorcht das digitale Tapp- und Tastkino den Gesetzen der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Gezielt verstärkt wird dieses Verhalten durch ein bekanntes Prinzip aus der Neurowissenschaft: die variable Gratifikation. Schon der Verhaltenspsychologe Burrhus Frederic Skinner zeigte in Experimenten, dass unregelmäßige, unvorhersehbare Belohnung bei Tieren ein gewünschtes Verhalten besser und länger aufrechterhielten als regelmäßige Belohnungen. Die meisten Apps sind heute nach diesem Muster gestaltet.
Bei deren Nutzung genügen dabei geringste Reize, um das menschliche Dopaminsystem anzusprechen und verstreut kleine Glücksmomente auszulösen – ein plötzliches Like, ein aufregendes Reel, Schadenfreude, Eitelkeiten. Doch gerade „durch die Wiederholung“ so der Psychologe Laurten Madelain „wird das Verhalten zur Gewohnheit“, und löst sich schrittweise von seinem ursprünglichen Belohnungssystem.[3] Es entsteht dann nicht mehr primär aus der Erwartung auf Belohnung, sondern wird durch die Umgebung ausgelöst. In der U-Bahn, an der Kreuzung, morgens im Bett und auf der Toilette, während der Kaffeepause, mittags beim Essen und abends wieder im Bett greifen wir instinktiv zum Smartphone. Das räumliche und soziale Umfeld selbst wird zum unbewussten Auslöser – auch dann, wenn es am Handy gar nichts Interessanteres zu sehen gibt.
Jahr für Jahr wachsen daher die von der Pfote bedienten Scheiben zu immer größeren Spiegeln heran. Diese reflektieren aber nur sehr indirekt uns selbst, überformen durch Gewohnheit aber ganze Raumsituationen des Alltags und lassen sie ein Stück weit verschwinden – nicht zuletzt, weil sie auch unsere Wahrnehmung und unser Erinnerungsvermögen beeinflussen. Wo unzusammenhängende Reize im Sekundentakt am Bewusstsein vorbeirauschen, fällt es dem menschlichen Gehirn nachweislich schwerer Erinnerungen zu bilden. Fehlt Kausalität, bleiben Lernen und Erinnern aus, und rückblickend erscheint die Zeit verkürzt, der Raum zieht sich zusammen. Alles wird gleich. Damit das nicht erkannt wird, muss das immer Gleiche in einer Mannigfaltigkeit von quantitativen Abweichungen vorgeführt werden. Diese verdichten sich zu einer Betäubung der Sinne, bis der Mensch dem Verlangen nach Befriedigung der künstlich geschürten Begehrnisse durch den Kauf von Dienstleistungen oder Konsumgütern Entlastung verschafft. Doch Begehrnisse können nicht befriedigt werden, sie lassen sich nur steigern.
Die Touchscreens oder Berührungsfelder erleichtern diese Konditionierung, weil sie schon von Kleinkindern bedient werden können. Sie ersetzen Knöpfe, Regler und Schalter; Dinge, die wenigstens noch über eine eigene Materialität verfügten. Auch diese sind in ihrer Bedienung schon abstrakt und roh, doch verlangen sie noch eine Streckung oder Krümmung der Finger und/oder den berühmten Druck, um ein Ereignis auszulösen. Die Medienwissenschaftlerin Rachel Plotnick[4] beschreibt, wie über Jahrhunderte die „(…) Asymmetrie zwischen einem leichten Fingerdruck und den immensen Auswirkungen, die er auslöst, das Begehren und die Bedrohlichkeit des Knopfes ausgemacht“[5] habe. Der Knopf, so Plotnick, gibt uns ein „Gefühl von Kontrolle selbst dann, wenn er überhaupt nichts auslöst“[6]. Insbesondere seine Haptik gehe einher mit Erinnerung. Sie spricht in diesem Zusammenhang von „skin memory“. Das Verhältnis zwischen Mensch und Knopf ist in Resten also noch eine Frage der taktilen Sinnlichkeit. So lässt sich erklären, dass Menschen behutsam und erwartungsvoll den Lautstärkeknopf ihrer Stereoanlage aufdrehen oder zögernd einen Lichtschalter im Stiegenhaus befühlen, um ihn nicht mit der Klingel zu verwechseln.
Welche Folgen es neben allen psychologischen Auswirkungen für die Hände junger Menschen in der Entwicklungsphase, für die Herausbildung ihrer Fingerfertigkeit hat, wenn sie täglich stundenlang rhythmisch über Touchscreens wischen, bleibt abzuwarten. Doch in der Tech-Branche melden sich ohnehin längst gewichtige Akteur*innen zu Wort, die bereits den Tod des Smartphones verkünden. Wohin die Reise geht, werden sie uns gewiss alsbald verraten. Gemunkelt wird, dass Gestalter*innen sich künftig keine Gedanken mehr über die Ergonomie von Dingen wie Scheren oder Türschnallen machen müssen – denn unsere Hände werden wir dafür bald womöglich nicht mehr benötigen.
[2] Deleuze / Guattari, Tausend Plateaus, Merve Verlag, Berlin 1992, S 87.
[3] Léo Favier, Die Dopamin-Falle [Dokumentation], 2023; Arte F
[4] Rachel Plotnick, Power Button: A History of Pleasure, Panic, and the Politics of Pushing, MIT Press, Cambridge Mass., 2024
[5] zitiert nach: Martin Spiewak, Tut ihnen das nicht an! in: Die Zeit, 13.11.25