29/06/2026

Mit ihrer umfangreichen Studie zu einer möglichen Nach- und Umnutzung der Wiener Flaktürme zeigte Dietlind Erschen 1986, wie ihre Herangehensweise an Architektur und Planung aussieht: Sie stellte die Nutzer:innen und deren Bedürfnisse in den Vordergrund und verlor dabei das Potenzial bereits bestehender Bauten nicht aus den Augen. Ihr architektonisches Werk weist eine große Vielfalt an Typologien auf: Wohnbauten, Einfamilienhäuser, Hotels, Industriegebäude sowie Umnutzungen und Renovierungen im Bestand hat die Architektin in ihrer rund 50-jährigen Tätigkeit im In- und Ausland realisiert und legte erst im Alter von 86 Jahren ihre Befugnis zurück.

29/06/2026

Dietlind Erschen, Entwurf für die Umgestaltung des Geschützturms im Arenbergpark mit Schwimmbad im obersten Geschoss, Visualisierung, 1986, © Familie Erschen

Architektin Dietlind Erschen (1925-2025), © Familie Erschen

Dietlind Erschen, Axonometrie eines Entwurfs für eine Villa, o.J., © Familie Erschen

Dietlind Erschen, Umgestaltung des Geschützturms im Arenbergpark, Wien, Entwurfsskizze, 1986, © Familie Erschen

Dietlind Erschen, Entwurf für die Umgestaltung des Geschützturms im Arenbergpark, Visualisierung, 1986, 
© Familie Erschen

Dietlind Erschen bei der Bauaufsicht, o.J., © Familie Erschen

Dietlind Erschen, Stahlwalzwerk in Libyen zur Bauzeit, o.J. 
© Familie Erschen

Dietlind Erschen, Wohnbau, Visualisierung, o.J., © Familie Erschen

Von Radstadt nach Graz

Dietlind Erschen wurde 1925 in Radstadt als Dietlind Schubert geboren. Nachdem sie noch während des Zweiten Weltkriegs in Salzburg die Matura abgelegt hatte, entschied sie sich 1946, an der Technischen Hochschule Graz Architektur zu studieren. Die Frauen in ihrer Familie waren für Dietlind Schubert inspirierende Persönlichkeiten: Ihre Mutter Grete Schubert (geb. 1888 als Grete Haagn) hatte bereits studiert und als Geografin über die Lebensweise von Bergbäuer:innen geforscht, bevor sie ihren Ehemann, einen Tierarzt, heiratete. Das gemeinsame Haus in Radstadt entwarf sie selbst, ohne eine fachliche Ausbildung gehabt zu haben. Auch eine Tante mütterlicherseits betätigte sich in einem für diese Zeit für Frauen noch unüblichen Feld: Sie entwarf Möbel und Textilien. Einige ihrer Jugendstilmöbel sind bis heute in Familienbesitz.

Aus der Kleinstadt kommend, war es laut eigenen Erzählungen ein großes Abenteuer für sie, in eine größere Stadt wie Graz zu ziehen, und die Umstände der Nachkriegszeit – besonders die verschiedenen Besatzungszonen in Österreich – machten die Reise von Salzburg in die Steiermark nahezu unmöglich. Laut früheren Erzählungen der Architektin, so berichtet ihr Sohn Finn Erschen in einem Gespräch im März 2026, musste sie sich während ihrer ersten Fahrt nach Graz unter einem Sitz in einem Eisenbahnwaggon verstecken, da sie noch keine Reiseberechtigung für die unterschiedlichen Besatzungszonen hatte. Diese erhielt sie erst mit der Inskription an der Technischen Hochschule Graz. Salzburg war damals unter US-amerikanischer, die Steiermark unter britischer Besatzung.

Studienzeit und Karrierebeginn

Während ihrer Studienzeit in Graz war Dietlind Schubert Mitglied eines Zeichensaals, in dem sie, neben Constanze Wickenburg, verh. Bulfon (1925-2022) und Trude Matl, verh. Krisch (1926-2025) eine von drei Frauen war. Der Zeichensaal sei wie ein Wohnzimmer gewesen, in dem entworfen und diskutiert wurde. 1951 schloss sie ihr Studium in Graz ab. Das Entwurfsthema der Diplomprüfung war ein „Sommerhaus im Tessin“, sie nannte den Künstler Jean Cocteau als (fiktiven) Bauherrn.

Im Anschluss arbeitete Dietlind Schubert in Paris im Büro des französischen Architekten und Stadtplaners Marcel Lods (1891-1978), bevor sie 1952 nach Österreich zurückzukehrte, diesmal nach Wien. Nach mehreren Arbeitsverhältnissen in verschiedenen Architekturbüros absolvierte sie 1962 erfolgreich die Ziviltechnikerprüfung und konnte so ab 1963 als freischaffende Architektin tätig sein. 1960 heiratete sie und nahm den Nachnamen Ihres Mannes an. Gemeinsam hatten sie zwei Kinder, die Ehe wurde später geschieden.

Vom Wohnbau zum Walzwerk

Im Lauf ihrer rund 50-jährigen Praxis als Architektin realisierte Dietlind Erschen Gebäude verschiedener Typologien. Wohnhäuser, Villen, Hotelanlagen und ein Walzwerk in Libyen sind Teil ihres Portfolios. Wie einige andere österreichische bzw. in Österreich ausgebildete Architekt:innen die in Afrika und Asien tätig waren, wie zum Beispiel Shahrzad Seradj-Kraupp, hat auch Dietlind Erschen in dieser Weltregion gearbeitet: Das von ihr geplante und ausgeführte Stahlwalzwerk steht heute noch am Hafen der Stadt Misrata (auch Misurata) an der Mittelmeerküste Libyens.

In einem 2023 von David Pašek geführten Interview für a_palaver, einen österreichischen Podcast für Architektur, beschreibt die damals fast 100-jährige Architektin ihre Motivation beim Arbeiten: „Sich überlegen, was die Aufgabe ist, sich überlegen was man braucht. Alles einmal zusammenfassen, und dann geht es los, sehr schnell zu entwerfen: Räume […], was braucht man, wie setzt man sie zusammen. Eben das Entwerfen, das macht am meisten Spaß.“ Ende der 1960er Jahre plante sie ein Wohnhaus für die Stadt Wien, an der Adresse Dr.-Eberle-Gasse 2-8 im 10. Gemeindebezirk, Favoriten. Der Wohnbau entstand in Zusammenarbeit mit dem Architekten Arthur Reichel (1909-1974). Außerdem realisierte sie ein weiteres Wohnhaus für die Stadt Wien: In der Gartengasse 7 in Wien-Margareten entstand 1974/75 ein fünfgeschoßiges Wohnhaus nach dem Entwurf der Architektin.

Die Flaktürme im Fokus: Dietlind Erschens Studie

Ein ganz besonderes Projekt war 1986 die Erarbeitung einer durch Mittel des Wirtschaftsministeriums geförderten Studie zu den Wiener Flaktürmen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre ursprüngliche Funktion verloren haben, aber bis heute das Stadtbild prägen. Die 270 Seiten umfassende, von Erschen und ihrem Team (u.a. Heidemarie Hillerbrand, Yindra Soukup) erstellte Studie Nutzung der Flaktürme für Bedürfnisse der Wohnbevölkerung (Wien 1986) analysiert die ehemaligen Geschütz- und Befehlstürme und stellt Nach- und Weiternutzungskonzepte, Entwürfe sowie statische Berechnungen und Kostenschätzungen vor.

Ihre Planung der Umnutzung des Geschützturms im Arenbergpark (1942/43), den sie im Vergleich mit den späteren Flaktürmen als ein Bauwerk mit „quadratischer Grundfläche und besonders plumper Form“ bezeichnet, argumentiert sie mit dem zur Zeit der Durchführung der Studie beobachteten Mangel an Kunst-, Club- und Versammlungsräumen sowie Turnsälen in der Umgebung. Sie richtet „[d]as Raumangebot, das verfügbare technische Instrumentarium und vor allem das interpersonelle künstlerische Kommunikationsangebot innerhalb dieses Hauses“ auf die Nutzung zur Produktion von Theaterstücken sowie Musik-, Video- und Tanzproduktionen aus. Der Zeit entsprechend sollen die Menschen unter dem Motto „Weg von der Konsumation, hin zur Teilhabe“ dazu angeregt werden, sich künstlerisch zu betätigen. Außerdem wird ein fehlendes Hallenbad im 3. Wiener Bezirk kritisiert und daher im Entwurf berücksichtigt. So waren in den obersten Geschoßen sportliche Nutzungen (Fitness-Studio, Sport- und Spielhallen, Turnsäle) geplant. Ein Hallenbad über den Dächern sollte auch für die Abhaltung von Veranstaltungen geeignet sein, zu denen sich die Architektin Mottos wie „Konzert im Schwimmbad“ und auch „Theater für Wasserratten“ überlegte.

Letztes Projekt in Wien und Ruhestand mit 86

Dietlind Erschens letztes Werk war die Generalsanierung und der Dachbodenausbau eines Gründerzeit-Gebäudekomplexes in der Wiener Praterstraße. Sie hat die Planung und Ausführung des gesamten Projekts geleitet und später auch dort gelebt. Nach Abschluss dieses Projekts ist sie mit 86 Jahren in den Ruhestand getreten. Bis zuletzt war sie sehr technikaffin, hat sich früh einen eigenen Computer zugelegt, die Arbeit mit CAD-Programmen angeeignet und sich auch noch im hohen Alter eine Spiegelreflex-Kamera angeschafft. Dietlind Erschen verstarb 2025 im Alter von 99 Jahren in Wien.

______
Dieses Architektinnenportrait erscheint in der Reihe Architektinnen in/aus Graz – Ins Licht gerückt, 20. Jahrhundert (Projektleitung: Antje Senarclens de Grancy). Weitere Portraits lesen Sie >>> hier

Hier geht's zum 
Nachrichtenarchiv 
und zum Kalender
 
 
Winter-
pause 
bis 7.1.2025
GAT