In ihrem Elternhaus kam Edda Gellner, 1927 geboren, schon früh mit dem Baubetrieb in Kontakt. Ihr Vater war der Grazer Stadtbaumeister Josef Widtmann, der sein Büro in der Grabenstraße hatte. Auch ihr Bruder Heimo Widtmann (1930-2023), mit dem sie später öfters zusammenarbeiten sollte, studierte Architektur. 1946 begann sie ihr Studium und schloss dieses 1950 mit der zweiten Staatsprüfung bei Prof. Friedrich Zotter ab. Dabei wurde ihr als Prüfungsaufgabe der Entwurf eines Pavillons für exotische Pflanzen in einer Gartenbauausstellung zugeteilt, ein in der Zeit des Wiederaufbaus damals aktuelles Thema, zumal im Jahr darauf in Deutschland die erste Bundesgartenschau mit dem Ziel eröffnete, Städte durch Grünflächen aufzuwerten.
Nach ihrem Studium arbeitete Edda Gellner in verschiedenen Architekturbüros in Graz, vor allem einige Jahre bei Wilhelm Jonser. Vermutlich war sie dabei auch am Projekt des Landesarbeitsamtes in der Babenbergerstraße beteiligt, einem rational in einem konstruktiven Rastersystem geplanten Stahlskelettbau, das 1954-1956 von Jonser gemeinsam mit Christiane und Walter Kordon geplant und ausgeführt wurde. 1961 erarbeitete sie für den Volkskundler Viktor Pöttler, der gerade an der von der ÖVP-Landesregierung geförderten Gründung eines österreichischen Freilichtmuseums in Stübing arbeitete, axonometrische Darstellungen der bäuerlichen Häuser, die dann von der Grafikerin Erika Pochlatko in einen Übersichtsplan zur Vorlage im Unterrichtsministerium eingearbeitet wurden.
Sakrales Bauen
1962 entschloss sie sich zur Gründung eines Büros mit Sitz in der Grazer Schanzelgasse. Wichtige Aufträge, die für Identität und Bekanntheit der Arbeitsgemeinschaft Gellner und Neuhold Bedeutung hatten, kamen von der römisch-katholischen Kirche. Die mit dem II. Vatikanischen Konzil verbundenen Reformbewegungen führten zur Einführung von Pfarrgemeinderäten und machten die „liturgische Neuordnung“ bestehender Kirchenräume, etwa die Aufstellung eines den Gläubigen zugewandten Volksaltares notwendig.
1967 gewann das Büro den Wettbewerb für das Pfarr-Gemeindezentrum Graz-Puntigam, gemeinsam mit Heimo Widtmann, der als Lehrbeauftragter für Christliche Kunstgeschichte an der Universität Graz tätig war. Dabei ging es nicht nur um einen neuen Kirchenbau, sondern um die „Verdichtung zentraler Funktionen und somit Gestaltung eines Wohnbezirkszentrums als Kristallisationspunkt innerhalb bisher amorpher Vorstadtstrukturen“ (H. Widtmann), also um ein Projekt mit städtebaulichem Anspruch, bei dem Kirche, Pfarrhaus und Pfarrsaal, angeordnet um einen offenen Platz, mit Volks- und Hauptschule, Kindergarten und Einkaufsmöglichkeiten in Beziehung gesetzt werden sollten. Das schlichte Kirchengebäude mit einem großen, markanten Dach und schwarzen, weit nach unten gezogen Eternitflächen, nimmt die Form eines Zeltes auf und wurde später durch einen freistehenden Glockenturm in Kreuzform ergänzt. Im Inneren, einem großen, stützenlosen Einheitsraum, arbeitete das Architekt:innenteam mit dem Künstler Fritz Hartlauer zusammen, der die Altäre, den Tabernakel und das Taufbecken gestaltete.
Es folgten Aufträge für liturgisch bedingte „Neuordnungen“ historischer Kirchengebäude, so 1976 für die Pfarrkirche St. Veit in Graz, wo mit einem Volksaltar aus rotem Marmor und der Aufstellung der Sitzbänke ein zentraler Raumeindruck geschaffen wurde. Weitere Projekte wurden gemeinsam mit Heimo Widtmann und Karl Raimund Lorenz geplant, so 1979 die Umgestaltung des späthistoristischen Kirchengebäudes des Missionshauses St. Gabriel der Steyler Missionare in Maria Enzersdorf. 1983 kam es im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen Diözese Graz-Seckau und dem Steirischen Herbst zur Idee der künstlerischen Neugestaltung der Stiegenkirche in der Sporgasse, ausgeführt von Gellner und Neuhold in Zusammenarbeit mit Karl Raimund Lorenz sowie mit Beiträgen der Künstler Gustav Troger (Altar) und Gottfried Mairwöger (Altarbild).
Große Projekte
Wichtiger als ästhetische Originalität waren Edda Gellner und Fritz Neuhold rationales Entwerfen und Funktionalität. Oft arbeiteten sie dabei mit modularen Systemen, etwa bereits beim Bau des kombinierten Finanzamts und Bezirksgerichts in Bruck a.d. Mur (1964-1967). Ihre Architektur spiegelt, auf unspektakuläre Weise, die Themen der bürgerlichen, zumindest moderat aufgeschlossenen Gesellschaft dieser Jahrzehnte wider. In dieses Bild passt auch die Teilnahme an der vom Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung initiierten Dreiländer-Ausstellung für Gegenwartskunst trigon 71 („intermedia urbana“), in der Architektur ein zentrales Thema war.
Ab den 1960er Jahren arbeitete das Büro vor allem an verschiedenen Projekten für moderne Geschäftslokale und Banken, Supermärkte und Bürogebäude. Auch die Renovierung (statt Abriss) von älteren Bauten bildete einen Schwerpunkt, in einer Zeit, als sich ein neues Bewusstsein für die Qualität und Identitätsstiftung historischer Bausubstanz herausbildete. In den 1970er Jahren konnten Gellner und Neuhold zahlreiche größere Bauvorhaben umsetzen, mehrgeschossige Wohngebäude und Ein- und Zweifamilienwohnhäuser, sowie mehrere Schulbauten: das Bundesoberstufenrealgymnasium Bad Radkersburg (1972-1976), errichtet als erste „offene Schule“ mit Mehrzwecknutzung in der Steiermark, die Bundesfachschule für wirtschaftliche Frauenberufe Mureck (1973-1975) mit Sportanlagen, Internat und Kindergarten sowie das Berufsschulinternat für Mädchen (1970-1973) in Voitsberg.
Ein vielversprechendes Großprojekt war ab 1970 der Bau des Kurzentrums Laßnitzhöhe, mit dem ein innovatives Konzept zur Behandlung neurovegetativer Störungen umgesetzt werden sollte. Kurz vor Eröffnung kam es jedoch zu Finanzierungsproblemen seitens des Auftraggebers, und das Projekt scheiterte. Dadurch wurde auch das Architekturbüro wirtschaftlich stark geschädigt und konnte erst nach einigen Jahren den Verlust wieder aufholen. Das nie genutzte Gebäude mit Hallenbad steht heute als Ruine da. Mehr Erfolg hatten Gellner und Neuhold mit einem anderen Großauftrag, dem multifunktionalen Rotkreuz-Einsatzzentrum in der Münzgrabenstraße in Graz (1977-1981), einem terrassenförmig abgetreppten Bau mit Faserzement-Plattenverkleidung.
Späteres Wirken
1992 legte Edda Gellner ihre Befugnis zurück, Fritz Neuhold führte das Architekturbüro noch einige Jahre weiter. Immer wieder hatte Gellner bei ihren Projekten mit ihrem ehemaligen Lehrer und langjährigen Lebensgefährten Karl Raimund Lorenz (1909-1996) zusammengearbeitet. Dieser war 1946, kurz nach ihrem Studienbeginn, an die Technische Hochschule Graz berufen worden und bis zu seiner Emeritierung 1979 als Professor an der Lehrkanzel für Gebäudelehre und Entwerfen tätig gewesen. Nach seinem Tod begann Gellner seinen Nachlass – Pläne, Fotodokumentationen, Vorträge, Veröffentlichungen – zu ordnen und für die Übergabe an das Archiv der TU Graz vorzubereiten. 1999 organisierte sie, gemeinsam mit László Pap, die Ausstellung Karl Raimund Lorenz – Entwürfe und Bauten 1929-1980 – ein graphischer Querschnitt, die in der Aula der TU Graz gezeigt wurde. Edda Gellner erhielt 2002 das Goldene Ehrendiplom der TU Graz. Sie verstarb im Jahr 2006.