05/05/2026

„Keiner glaubt keinem, alle wissen Bescheid.“

Adorno.

05/05/2026

In einem Wettbewerbswesen, das längst austauschbare Ergebnisse produziert, ist die Abstraktion von Qualität auf Zahlen, und die Hinwendung zur Statistik als neuem Qualitätsmaßstab vielleicht die folgerichtige Konsequenz.
Bild: CC0

„Das competitionline Ranking ist da!“ Zeit also einen Blick auf das Architektur-Ranking der wichtigsten deutschen Online-Wettbewerbsplattform zu werfen, um zu erfahren, „wer die Spitzenplätze erobert hat, welche Newcomer und Aufsteiger überzeugen und welche Strategien zum Erfolg führen.“ Doch aufgepasst, denn die „brandneue Rangliste der […] erfolgreichsten Architekturbüros hält Überraschungen bereit.“[1]

In der Tat. Es genügt der Blick auf die Liste österreichischer Büros, die einen der ersten zwanzig Plätze ergattern konnten, um etwas stutzig zu werden:

AAPS Atelier, AD Architekten, Akos Perge, Albert Wimmer, Alles wird Gut, amm, Andreas Schirmer, AO-Architekten, ArchAlp, Archinauten, Architekt Richard Steger / Architekturfachgeschäft, Architekt Tinchon, Architekten Kassarnig, Architekten Kneidinger, Architektengruppe U-Bahn, Architekturbüro Armin Bauböck, Architekturbüro Sumereder, Architekturbüro Thurner, Architektur Atelier Gegenhuber, Architektur Consult, ArGe Architekten, as-if Architekten, Atelier Brandstötter, Atelier Frühwirth, Balloon Architekten, Baumschlager Eberle, Baumschlager Hutter, bergwerk Architekten, Berktold Weber, Bernd Riegger, Bogenfeld Architektur, BRAMBERGER architects, Büro Büres, Caramel ArchitektInnen, Caspar Wichert, Cebra Architekten, Christoph Kalb, Claudia Greußing, Clemens Kirsch, Core Studio, Delta Pods, DILL Architektur, Dietger Wissounig Architekten, Dreiplus, dunkelschwarz, Ederer Haghirian, Edgar Hammerl, eep architekten, EIDOS Architektur, Elke Jeannine Delvoye, epps Architekten, F2 Architekten, fally plus partner, Fandler Architektur, fasch&fuchs, Florian Haim, Formation Architektur, Franz & Sue, Frediani-Gasser Architettura, Freimüller Söllinger Architektur, Gangoly & Kristiner Architekten, GC Architektur, Geralt Andton Steiner, GERNER GERNER PLUS, GHT Architektur & Design, Gilbert Berthold, glut Architektur, g.o.y.a, GSarchitects, Günther Mader, haro architects, Heinrich Anglberger, Hellwach Architektur, Hertl Architekten, Hillinger Mayrhofer, HK Architekten, hm Architekten, Hofmann Architektur, Hofrichter-Ritter, Hohengasser Wirnsberger, Hohensinn, Holzbauer & Partner, Hristina Hristova, iC Consulenten, Imgang Architekten, j-c-k Janser Castorina Katzenberger, Johannes Kaufmann und Partner, Josef Weichenberger, Juan Carlos Gómez Avendano, Juri Troy, Jürgen Haidacher, JUUST Architektur, Kaltenbacher Architektur, Kampits & Gamerith, Karl und Bremhorst, kaspar&rude, KATO architects, kb+l architektur, Klaura / Horvath Lendarchitektur, Kofler Architects, Königlarch, kontur, Kröpfl Architekten, Kurt Josef Ellmauer, LAM ARCHITEKTUR, Lobmaier Architekten, LOCI, LQ Architekten, Ludescher und Lutz, Lukas Schelling, ma.lo, MALEK HERBST, Marcel Gladbach, Markus Pernthaler, Martin Kohlbauer, Martin Oberascher & Partner, maul-architekten, Maurer & Partner, Maximilian Müller, Megatabs Architekten, mia2, MINTplus, Mohr Niklas Architekten, MOON ARCHITEKTUR, MURERO BRESCHIANO, Neurauter, Neururer Architekten, NONA, nonconform, NOW Architektur, Nussmüller Architekten, O&O, oeller architekten, P.GOOD, Paul Mikolasch, PB+P Architekten, peintner.waldhart, Pentaplan, Pichler & Traupmann, Pittino, Pittino & Ortner, pks Architektur, planconsort, Poppe*Prehal, pos Architekten, PPAG, PRIEBERNIG WIND + PARTNER, projekt CC, Querkraft, Raimund Rainer, Raumkonzeption, Raumkunst, Reitmayr Architekten, Riedl+Partner, Riepl Riepl, Roland Baumgartner, rt Architekten, S&P Söhne & Partner, Schallert Wüst Architekten, Schandl Architekten, Schafferer, Schluder Architekten, Schuberth und Schuberth, Schulz Architektur, schwarmer-wurnig-architekten, Sebastian Neuschmid, SHARE ARCHITECTS, Silbermayr Welzl, Simon Metzler, Simon Moosbrugger, smartvoll, spado architects, Stadt:Labor Architekten, Stefan Kartnig, STEINBAUER architektur, Steiner Benigni etc., stögmüller architekten, Strobl Architekten, studio 23, Studio Calas, Studio Lois, Studio Patrick Pregesbauer, Studio SAM, SUPERWIEN URBANISM, SWAP, tagger3architektur, teamk2, Thomas & Werner Omansiek, Thomas Pucher, Toralf Fercher, Tp3 Architekten, transparadiso, Treusch architecture, Tritthart + Herbst, Two in a Box, U1 architektur, Unisono Architekten, Urmann Radler, Vogl-Fernheim, Werkhof Architekten, WS Architektur, WUP Architektur, Xander Architektur, Zaffignani Architektur, Zieseritsch Architektur

Was sich liest wie das Mitgliederverzeichnis der österreichischen ZiviltechnikerInnen-Kammer[2] ist tatsächlich nur ein kleiner Auszug aus der beeindruckenden Liste der insgesamt zweitausendfünfhundert internationalen Preisträger*innen, die sich in diesem Jahr die ersten zweiundzwanzig Plätze teilen. Die mitgelieferte Urkunde weist, versehen mit einem Gütesiegel, den eigenen Büronamen sowie eine Platzierung zwischen eins und zwanzig aus; darunter in Klammern gesetzt der geradezu infame Zusatz: „Übrigens, es gibt rund 21.400 Architekturbüros in Deutschland“.

Das soll Eindruck machen, tatsächlich macht diese Dreistigkeit etwas sprachlos. Begleitend werden von der Competitionline Verlags GmbH, der privaten Betreibergesellschaft des Wettbewerbsportals, auch kostenpflichtige Ranking-Mastertalks angeboten, um die wichtigsten „Trends und Ergebnisse“ des Rankings zu verstehen und um daraus Rückschlüsse auf die eigene Wettbewerbsstrategie ableiten zu können.

Die Idee von der Messbarkeit der Welt hat in Zeiten der inhaltlichen Orientierungslosigkeit und Reizüberflutung auch in der Architektur längst groteske Ausmaße angenommen. Wo bisher keine verbindlichen Kriterien zur Bemessung architektonischer Qualität gefunden werden konnten, liegen im Informationszeitalter wenigstens ausreichend anderweitige Daten und Zahlen vor um die Welt mit privaten, offiziellen oder werblich motivierten Ranglisten zuzuschütten. Diese Art Positivismus kommt aus dem angelsächsischen Raum, wo die dauernde Zählung der Welt jede Frage nach Qualität schon seit längerem erstickt. Alles, wirklich alles, muss zählbar, statistisch erfassbar und damit als Nachweis der Güte dienen – denn wenn eine Kette Milliarden Burger verkauft, kann ihr Essen gar nicht schlecht sein. Dabei gilt, so Horkheimer und Adorno: „Die Verfassung des Publikums (...) ist ein Teil des Systems, nicht dessen Entschuldigung.“[3]

Schamlos wurde in den letzten Jahrzehnten die Quantifizierung immer weiter vorangetrieben. Denn Zählbarmachen ist die Grundlage jeder Vermarktung und macht mit Gewalt auch aus dem Unzählbarsten eine Ware. Besonders gefährlich, ja gesellschaftsschädigend wird diese Praxis dort, wo es etwa um Bildung oder das Wohlbefinden von Menschen geht.

Längst werden etwa die Kurse an englischen Universitäten – und selbst die schlechtesten Einrichtungen verlangen heutzutage knapp 10.000 Pfund pro Jahr - von Eltern und zukünftigen Studierenden nach Ranglisten ausgesucht, die private Organisationen, etwa Tageszeitungen wie The Times oder The Guardian erstellen lassen. Nicht nur die Kriterien, nach denen bewertet wird, sind fragwürdig, es bleibt auch weitgehend intransparent, wie die Daten erhoben wurden – meist auf Grundlage von hochschuleigenen Statistiken, die dementsprechend von diesen beeinflusst sind.[4]

In Österreich will der österreichische Bildungsminister der NEOS, Christoph Wiederkehr, nun durch die Hintertür schon für Volksschulen Bewertungen einführen, selbst wenn sogar konservative Lehrervertreter diesen Schritt gefährlich finden. „In anderen Ländern Europas habe die Veröffentlichung sensibler Schuldaten in Rankings gemündet – ‚mit allen negativen Auswirkungen‘, warnte jüngst Gewerkschafter Paul Kimberger (FCG).“[5]

Während die österreichische Gesellschaft einerseits so sensibel geworden ist, dass für Fußballmannschaften von Kindern bis zu zwölf Jahren keine Tabellen mehr geführt werden, da „die individuelle Entwicklung im Mittelpunkt steh[t]“[6], sollen dieselben Kinder zukünftig Volksschulen besuchen, die aufgrund hinterfragbarer Erhebungen bewertet werden und sich mit dieser Belastung dann bei weiterführenden Schulen bewerben. Früh übt sich für ein Leben, das als Wettbewerb zu führen ist.

Dass also auch eine Internetplattform, die Wettbewerb zum Thema hat, ihr eigenes Ranking erstellt mag kaum verwundern, die Reaktion vieler der Gereihten und Bewerteten schon etwas mehr. Denn egal wie hirnrissig die angelegten Kriterien, egal wie irreführend derartig nichtssagende Ranglisten mit sechshundertfünfundachtzig 20. Plätzen auch sein mögen, sie finden ihre treuesten Adressat*innen zuverlässig in den Preisträger*innen selbst. Bereitwillig werden die Zurufe der neuen kommerziellen Weltvermesser - selbst wenn deren Absichten durchschaut sind – in die eigene Kommunikationsstrategie übernommen und dienlich gemacht, um sich wenigstens scheinbar über die Konkurrenz zu stellen.

Die global eskalierende Bewertungswut wird dabei durch die Mechanismen digitaler Suchmaschinen immer weiter befeuert und selbst die entlegensten Bereiche unserer beruflichen und privaten Existenz verwandeln sich in einen Konkurrenzkampf um Sichtbarkeit. Gleichzeitig muss in der eigenen Werbestrategie immer auch mitbedacht sein, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Kund*innen, Auftraggeber*innen und Konsument*innen im Abnehmen begriffen ist. Wer auf diesem Markt nicht ständige Top-Platzierungen auf unsinnigen Listen zu verkünden weiß und es verschläft, sich regelmäßig Awards zu kaufen, wird von den Erfolgsmeldungen und Red Dot Awards der Anderen zerrieben.

Die begleitende Werbesprache die sich in den Retail-, Presse- und Social Media Abteilungen der modernen Wettbewerbsbüros immer weiter ins Anbiedernde steigert, klingt dann in etwa so: „Wow! Unsere Kirche ist unter den Top Ten Kirchen des Monats April. Wir freuen uns sehr.“ Oder: „Unfassbar! Unser Altersheim wurde unter die besten der Kalenderwoche 23 geranked. So honoured!“ Oder eben so: „Gratulation an unser ganzes Team. Von über sechsundzwanzigtausend Architekturbüros wurde unseres auf Platz 19 gereiht. IHR habt also nicht nur Platz 19 gerockt - IHR SEID BESSER ALS 25.981 ANDERE BÜROS!!! “[7]

Eben auf diese Weise unterwandert die Logik und die Sprache des Konsums das Selbstverständnis einer ganzen Disziplin, die dazu übergeht, ihre eigenen Erzeugnisse wie Waren im Supermarktregal mit Gütesiegeln, Testplatzierungen und Stiftung-Warentest Plaketten zu überziehen. Ob dabei getrickst und geschoben, beschönigt und gefälscht wurde stellt kaum noch ein Hemmnis dar, weil ohnehin jeder weiß, dass nichts von alldem einen Wert hat, der länger währt als bis zum nächsten Ranking. Doch in einem Wettbewerbswesen, das längst austauschbare Ergebnisse produziert, ist die Abstraktion von Qualität auf Zahlen, und die Hinwendung zur Statistik als neuem Qualitätsmaßstab vielleicht die folgerichtige Konsequenz.

Das ein oder andere der Abertausenden Top 20 Büros des Competitionline-Rankings ist insgeheim vielleicht auch etwas dankbar für die geschickte Irreführung auf ihrem neuesten Zertifikat. Denn stünde dort stattdessen: „Übrigens haben 15.000 deutsche Architekturbüros sowie tausende Büros aus anderen EU-Staaten einen der ersten 25 Plätze belegt – allein die Teilnahme an irgendeinem Wettbewerb in Deutschland genügt hierfür“, dann würden auch ihre Kund*innen das Dokument wohl eher irritiert als das erkennen, was es tatsächlich ist: Ein absurdes, bedeutungsloses PDF, das sich auf Anfrage automatisch generieren, herunterladen und im Büro oder Zuhause ausdrucken lässt.


 


[1]https://www.competitionline.com/de/ranking, letzter Zugriff: 03.05.2026

[2]Nach klassischer Manier der Telefonbücher der 1980er Jahre sind darin nebenbei bemerkt nur drei weibliche Vornamen zu finden.

[3]Max Horkheimer, Theodor W. Adorno – Dialektik der Aufklärung (Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1989) S.130

[4]Kein Wunder also, dass in den "world rankings" von Universitäten von den ersten zehn meist acht oder neun aus dem angelsächsischen Sprachraum kommen – dem Ursprung der Bildungsquantifizierung. Dort nutzt man seit Jahren die Erfahrung der Erfinder, um die eigenen Vorteile zu maximieren. Wer jemals sowohl an englischen / amerikanischen wie an österreichischen Hochschulen unterrichtet hat, kann im direkten Vergleich belegen, welch unverschämte Fehlurteile hier massenhaft verbreitet werden.

[5]APA-Basisdienst - Lehrer-Kritik an geplanter Veröffentlichung von Schuldaten, in: Kleine Zeitung Online, https://www.kleinezeitung.at/artikel/20767520/lehrer-kritik-an-geplanter-veroeffentlichung-von-schuldaten,  Zugriff: 03.05.2026

[6]Tabellen haben bei Kindern ausgedient, in: ORF Online, https://sport.orf.at/stories/3092452/, Zugriff 03.05.2026

[7]Die Zitate sind sinngemäß und anonymisiert, doch schon die Vielzahl der Anglizismen zeigt, wem man da auf den Leim gegangen ist.

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