23/12/2025

Der Umbau des Karlsruher Kinos "Kurbel" zur Kulturstätte zeigt, wie architektonischer Pragmatismus und gemeinschaftlicher Idealismus große Räume mit kleinem Budget entstehen lassen. Finn Jäger hat eine Architekturkritik über die Neugestaltung eines der ältesten Kinohäuser Deutschlands verfasst. 

23/12/2025

Foyer von Kinematek/ Jazzclub in der umgebauten Kurbel in Karlsruhe.

©: Ulrich Coenen

Oberes Foyer von Kinematek/Jazzclub.

©: Ulrich Coenen

Bar im oberen Foyer

©: Ulrich Coenen

Der Architekt Jochen Krämer führt das Seminar „Städtebauliche Typologien – Werkstatt Architekturjournalismus“ durch den neuen Konzertsaal.

©: Ulrich Coenen

Blick in den Zuschauerraum im Konzertsaal des Jazzclubs in der umgebauten Kurbel Karlsruhe. 

©: Ulrich Coenen

Blick auf die Bühne im Konzertsaal des Jazzclubs.

©: Ulrich Coenen

Kleiner Kinosaal, Die Kurbel, Karlsruhe.

©: Ulrich Coenen

Die Kurbel lebt! Mit einem neuen Nutzungskonzept präsentiert sich das ehemalige Großkino einem bis dato gänzlich neuen Publikum. Mit knappen Mitteln und großer gestalterischer Klarheit wurde hier, realisiert durch Lennermann Krämer Architekten für die Hubertus Wald Stiftung, eines der ältesten Kinohäuser Deutschlands in einen vielseitigen Kulturort verwandelt. Für diese gelungene Verbindung aus Erhalt und Weiterentwicklung wurden Lennermann Krämer Architekten mit dem Preis „Beispielhaftes Bauen“ der Architektenkammer Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Die Kurbel wurde 1957 als modernes Großkino in der neu errichteten Kaiserpassage eröffnet. Mit zwei Sälen und über 700 Plätzen im Hauptsaal zählte sie zu den bedeutendsten Lichtspielhäusern Karlsruhes. Auf den Niedergang der klassischen Großkinos reagierte man, indem der große Saal im Obergeschoss in drei kleinere Kinos umgebaut wurde. Doch die strukturellen Probleme blieben, sodass 2018 die Insolvenz folgte und das Obergeschoss stillgelegt wurde. Nur die Kinemathek im Erdgeschoss führte ihren Betrieb weiter. Bereits vor der Stilllegung entstand die Idee, das Gebäude zu einem vielfältigen Kulturort weiterzuentwickeln. Geplant war, dass der Jazzclub Karlsruhe in die leerstehenden Räume im Obergeschoss einzieht und dort künftig Konzerte und Veranstaltungen ausrichtet. 2019 fiel schließlich der Startschuss für den Umbau, welcher 2024 fertiggestellt wurde.

Im Erdgeschoss wurde die Kinemathek, bekannt für eine sorgfältig kuratierte Arthouse-, Klassiker- und Dokumentarfilmauswahl, in das neue Nutzungskonzept integriert und räumlich neu gefasst. Die baulichen Eingriffe blieben dabei minimal und konzentrierten sich auf die Modernisierung der technischen Infrastruktur für Projektion, Ton und Barrierefreiheit. Das Farbkonzept des ursprünglichen Konzertsaals in Blau und Gold wurde beibehalten und durch vorhangartig bespannte Wandflächen ergänzt. 

Im Zuge des Umbaus wurde das Foyer neu organisiert. Die ursprünglich symmetrisch angelegte doppelläufige Treppenführung ins Obergeschoss wurde aufgelöst und eine der beiden Treppen zurückgebaut, um der bestehenden Barzone im Obergeschoss mehr Raum zu geben. Hinter dieser Barzone wurde im Bereich des alten Treppenaufgangs eine gemütliche Sitzecke etabliert.

Das Foyer blieb in seiner Gestaltung weitgehend unberührt: Der Terrazzo-Boden und wiederhergestellte Wandbilder sorgen für nostalgisches Flair, während Neon- und Grünlicht-Akzente dem Raum einen clubartigen Charakter geben.

Im Kontrast zu dem urbanen Foyer im Erdgeschoss entfaltet die Bar im Obergeschoss eine salonartige Stimmung, welche wesentlich durch vier farbige, unterschiedlich geformte Lampenschirme geprägt ist. So schafft der Barbereich einen atmosphärischen Übergang, der die Gäste subtil auf das Konzerterlebnis vorbereitet. 

Das Herzstück der Umbauten bildet der neue Konzertsaal des Jazzclub Karlsruhe, welcher im ehemaligen großen Kinosaal im Obergeschoss realisiert wurde. Beim Umbau des ehemaligen Kinos musste der Raum grundlegend neu strukturiert werden. Der ursprünglich für eine bessere Leinwandsicht im Großkino gekrümmte Boden wurde durch einen neuen Zwischenboden ausgeglichen, um eine ebene Fläche für den Konzertsaal zu schaffen. 

Im hinteren Bereich des Saals wurde oberhalb der Nebenräume eine Empore eingezogen. Dafür kam eine selbsttragende Stahlkonstruktion zum Einsatz, die den Konzertsaal um eine zusätzliche Nutzungsebene erweitert. Diese mutige, da kostspielige Entscheidung bricht die klassische Saaltypologie auf und schafft neue Blickwinkel auf die Bühne. Zugleich erfüllt die Empore eine zentrale Rolle im Sicherheitskonzept: Sie ermöglicht einen zweiten Fluchtweg und wurde so im Nachhinein zum unverzichtbaren Bestandteil der Brandschutzplanung. 

Die originalen Kinosessel auf der Empore wirken heute als Reminiszenz an die frühere Nutzung und verleihen dem Raum eine besondere Atmosphäre. In gepaarten Reihen angeordnet und ergänzt durch kleine Stehtischlampen, entsteht ein intimer Rahmen, der den Charme des alten Kinosaals auf zurückhaltende Weise weiterleben lässt.

Der Eindruck, dass hier Kultur nicht nur ermöglicht, sondern tatsächlich gelebt wird, durchzieht den gesamten Aufenthalt im Gebäude. Im Gespräch mit Jochen Krämer, Partner des verantwortlichen Architekturbüros Lennermann Krämer, und Nina Rind, Vorstand der Kinemathek, wird deutlich, mit wie viel Improvisation das Projekt über Jahre hinweg realisiert wurde. So diente das Büro kurzerhand als Backstagebereich für eine Bigband, als anders kein Platz zu finden war. Unversehrte Deckenplatten aus dem Büro wurden gegen beschädigte Platten im Backstagebereich ausgetauscht, damit der Raum besser wirkt, während das Büro mit den Macken lebt. Diese pragmatische Energie prägt! Das Gebäude strahlt eine Lebendigkeit aus, die sich mit Geld allein nicht herstellen lässt. Sie wirkt nicht glatt oder perfekt, sondern echt und lebendig und schafft das, was gebraucht wird: einen offenen Raum für Stadtgesellschaft und Kultur.

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Im Seminar „Städtebauliche Typologien - Werkstatt Architektur-Journalismus: Wir schreiben über Architektur“ beschäftigen sich Studentinnen und Studenten an der Professur Stadtquartiersplanung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) mit Architekturjournalismus. Dozent ist der Redakteur und Bauhistoriker Ulrich Coenen.  

Die siebzehn Seminarteilnehmerinnen und Seminarteilnehmer (alle im Masterstudiengang) 2025 recherchierten unter Anleitung und verfassten Beiträge über Architektur, Stadtplanung und Denkmalpflege. Dabei wurden verschiedene journalistische Darstellungsformen geübt.  

Ausführliche Informationen zum Dozenten und zum Seminar (unter Lehre) auf der Homepage https://ulrichcoenen.de

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