03/03/2026

Der städtebauliche Rahmenplan für das Areal der Rösselmühle in Graz verspricht Durchwegungen, Grünanteile und Nutzungsmischung. Reicht das für eine sozial und städtebaulich zukunftsweisende Entwicklung?

03/03/2026

Rösselmühle Graz, Ansicht Oeverseepark, 2024

©: Ada Hauser

Die Debatte ist allgegenwärtig. Umbau, Sanierung, Umnutzung, Bestandsbewahrung. Kaum eine Architekturveranstaltung kommt ohne diese Schlagworte aus: Wer in einschlägige Kalender blickt, gewinnt den Eindruck eines Paradigmenwechsels. Doch die gebaute Realität erzählt eine andere Geschichte. In Wien etwa zeigen Abrissbestrebungen rund um die Alte WU, wie schnell Fakten geschaffen werden könnten nach dem Prinzip: Was weg ist, ist weg. Noch bevor im laufenden Architekturwettbewerb Alternativen konkretisiert werden, droht Substanz zu verschwinden. In Salzburg riss man kürzlich zwei Altstadthäuser bis auf deren Fassaden ab, obwohl etwas völlig anderes genehmigt worden war. In Graz ist Abriss ebenfalls ein häufiges Szenario. Am Areal der zentral gelegenen Rösselmühle wird das Thema als eines von vielen seit Jahren diskutiert.

Der lange Weg zum Rahmenplan
Vergangene Woche wurde der Rahmenplan für die Rösselmühle präsentiert, erarbeitet von der Stadtplanung, vorgestellt von der Stadtbaudirektion gemeinsam mit Bürgermeisterin Elke Kahr. Im März soll der Gemeinderat darüber abstimmen. Danach: Umwidmung, Architekturwettbewerb, Bebauungsplan. Der Prozess dauerte mehrere Jahre. Eingebunden waren laut Stadtregierung die Eigentümerin ebenso wie potenzielle Nutzer:innen, darunter das Johann-Joseph-Fux-Konservatorium und die Geriatrischen Gesundheitszentren der Stadt Graz (GGZ). Drei Dialogveranstaltungen dienten dazu, Anrainer:innenstimmen einzuholen. Man sagt, diese haben den Rahmenplan verändert. Formal betrachtet ein partizipatives Verfahren. Inhaltlich bleiben zentrale Fragen offen.

Die Mindestanforderungen und ihre Dehnbarkeit
Anfang 2025 definierte die Stadt konkrete Leitplanken:
- Bestehende Grünräume sollen erhalten bleiben.
- Öffentlich zugängliche Freiflächen sollen um mindestens 5.000 Quadratmeter erweitert werden.
- Das Verkehrsaufkommen rund um das Areal darf nicht steigen.
- Eine neue Ost-West-Achse soll insbesondere den Fuß- und Radverkehr stärken.
- Der Bestand soll „bestmöglich“ weitergenutzt werden.
- Das Wasserkraftwerk bleibt in Betrieb.
- Das „kollektive Gedächtnis“ des Ortes ist zu berücksichtigen.
- Vorgesehen ist eine Nutzungsmischung mit sozialen, kulturellen Einrichtungen und Wohnungen.
Das liest sich wie ein ambitionierter Kriterienkatalog. Seine Wirksamkeit hängt an der Auslegung. Was genau bedeutet „bestmöglich“? Und was gilt im Zweifelsfall mehr, ökonomische Machbarkeit oder räumliche Identität? Neu ist, dass die Stadt Graz eine Koordinationsstelle für Nutzungsinteressen und die vielzähligen Stakeholder einrichten will, die im und über den Planungsprozess hinaus, das Verfahren begleitet.

Öffnung eines abgeschotteten Areals
Zu Betriebszeiten war die Rösselmühle ein privater Produktionsstandort und jahrzehntelang vom Stadtraum abgeschottet. Die geplante Öffnung durch neue Durchwegungen und Platzsituationen reagiert auf diese Geschichte und ist überfällig. Die durchgängige Ost-West-Achse bildet das Rückgrat des Konzepts. Sie soll als Fuß- und Radwegverbindung das Areal durchziehen und an die umgebenden Quartiere anbinden. Gleichzeitig soll sie als öffentlicher und urbaner Aufenthaltsort auch Anwohner:innen aus den Nachbarschaften zur Verfügung stehen. Eine Nord-Süd-Durchwegung ist bisher nicht selbstverständlich vorgesehen. Die Schwellenfunktion des neuen Stadtstücks bleibt demnach selektiv. Entscheidend wird sein, ob diese Achse als Aufenthaltsraum mit eigener Atmosphäre umgesetzt wird oder primär als Erschließungsband zwischen Neubauten.

Grünraum oder Restfläche?
„Es ist wichtig, dass ein öffentlicher Grünanteil geschaffen wird“, betont Bürgermeisterin Kahr. Dazu besteht Konsens und es ist gut nachvollziehbar. Im Detail des Rahmenplans zeigt sich aber, wie relativ dieser Begriff ist. Der sogenannte „Grüne Anlieferungshof“ dürfte kaum als öffentliche Fläche taugen. Der geplante Kinderspielplatz auf dem Dach eines sieben- bis elfgeschossigen Baukörpers gilt zwar rechtlich als Grünraum, ersetzt atmosphärisch aber sicher keinen gewachsenen Freiraum. Die im Plan gelb markierten Flächen entlang der Ost-West-Achse sind als begrünte Stadtplätze gedacht. Ihre ökologische und stadtklimatische Wirksamkeit hängt von der konkreten Ausführung ab, also von Versickerungsflächen, Bodenaufbau, Pflanzenpflege und Nutzungskonzepten. Grün ist nicht automatisch Natur. Und zugänglich ist im Rahmenplan nicht automatisch öffentlich.

Bestand unter Vorbehalt
Als erhaltenswerter Bestand ausgewiesen sind das Verwaltungsgebäude der Rösselmühle sowie das alte Mühlgebäude am Mühlgangufer. Noch im Jänner 2025 war im Entwurf des Rahmenplans ein zusätzlicher neuer Baukörper vorgesehen, der direkt an den einzigen erhaltenen Siloturm andockte. In der nun präsentierten Fassung ist dieser in der Aufsicht nicht mehr enthalten, aber prägende, an die industrielle Nutzung des Gebäudes erinnernde Teile ebenfalls nicht mehr. Auf der Seite am Mühlgang fehlen im Rahmenplan die charakteristischen Übergänge über den Bach. Die endgültige Entscheidung über Erhalt oder Abriss weiterer Strukturen soll nach der Umwidmung im Architekturwettbewerb fallen. Das ist bemerkenswert. Denn damit wird eine grundsätzliche Frage an die Logik des Entwerfens delegiert und primär als architektonisch-formale Frage behandelt: Kann man das Raumprogramm unterbringen? Lässt sich Alt mit Neu kombinieren? Der Bestand ist nicht nur bauliche Struktur. In Graz fehlt eine klare Vorgabe, welche Teile unverhandelbar sind. Was einigen im Rahmenplan fehlt, ist zudem die gesellschaftliche Dimension, die überhaupt erst zu einem passenden Programm führt.

60 zu 40 oder wie?
Der zentrale Streitpunkt bleibt die Widmung. Eine mögliche Kerngebietswidmung schließt Wohnnutzung nicht aus. Die Stadt schlägt einen Mindestanteil von 40 Prozent Nicht-Wohnnutzung vor. Drei Fünftel Wohnen, zwei Fünftel öffentliche und sonstige zentrenrelevante Nutzungen. Investor:innen hatten zuvor durchaus mit Druck deutlich höhere Wohnanteile gefordert. Vor kurzem zog sich die ÖSW Bauträger GmbH aus diesen Gründen als Investor zurück. Hier liegt der zentrale Streitpunkt: Wie viel Wohnen geht? fragt die eine Seite. Darf Wohnen hier überhaupt dominieren? die andere. Kein Unentschieden zumindest rechnerisch. Doch in innerstädtischen Großentwicklungen dieser Dimension entscheidet nicht nur der Prozentsatz, sondern die Qualität. Hochpreisige Eigentumswohnungen mit anlegerfreundlichen Grundrissen sind ein reales Risiko. 

Gegenstimmen

Eine Gegenstimme zum vorliegenden Rahmenplan erhebt das Komitee Rösselmühle mit einem Offenen Brief (>>> siehe Download). „Schlüsselkomponenten moderner Stadtentwicklung wie Nachhaltigkeit, soziale Inklusion und wirtschaftliche Entwicklung sind aus diesem Rahmenplan nicht ablesbar", so das Komitee. Architekt Wolfgang Feyferlik spricht im Austausch mit GAT von einem Skandal. Die Widmung als Kerngebiet ließe keine Wohnnutzung in dem von der Stadt im Rahmenplan ermöglichten Ausmaß zu. „Es fehlt die Festlegung der Nutzungen seitens der Stadt“, und damit stehe das Tor für Anlegerwohnbau weit offen. Eine der wenigen bleibenden Chance auf innerstädtische kulturelle und bildungsorientierte Einrichtungen geht damit verloren. Die Forderung, Wohnnutzung gänzlich auszuschließen, wiederholt das Komitee in seinem Schreiben.

Konsenzbildung
Gemeinderätin Alexandra Würz-Stalder stand für ein ausführliches Telefonat zum Thema zur Verfügung. Es seien in der politischen Praxis oft die Mechanismen der Mehrheitsfindung, die von Nicht-Politiker:innen übersehen und nicht wertgeschätzt werden. Rechtlich gesehen sind Kerngebiete, wie die Rösselmühle eines werden soll, „Flächen, in Zentrumszonen gemäß § 22 Abs. 5, mit einer im Vergleich zu anderen Baugebieten höheren Nutzungsvielfalt und Bebauungsdichte“, die zwar vornehmlich zentrumsrelevanten öffentlichen, sozialen und kulturellen Nutzungen vorbehalten sind, auf denen aber „auch Wohngebäude und Garagen sowie Betriebe zulässig sind“. Der Rahmenplan jetzt soll die rein gewerbliche Nutzung des Areals beenden, dieses überhaupt durch eine nachfolgende Umwidmung nutzbar machen sowie ausschließen, dass in Zukunft wieder eine rein industrielle Verwertung des Geländes geschieht. Zentral sei die Festlegung der öffentlichen Durchwegung, die ganz gezielt sozialräumliche Effekte für den Stadtteil Gries haben wird.

Fehlende Vision zum jetzigen Zeitpunkt
Initiativen wie die aktuellen Zwischennutzer:innen des Areals oder das Komitee Rösselmühle haben alternative Modelle vorgeschlagen. Als Referenzen dienen das Ankerbrotfabrik-Areal in Wien oder das ROG Center in Ljubljana. Auch eine Entwicklung mit Baugruppen ähnlich der „Hauswirtschaft“ in Wien wäre ein innovativer Ansatz. Der Rahmenplan greift solche Ideen nicht auf. Er bleibt innerhalb bekannter Nutzungsblaupausen. Die Vision ist primär architektonisch-formal, funktional bleibt sie vage, kaum innovativ.

Der kollektive Charakter
Industrieareale waren Orte kollektiver Arbeit, auch wenn sie privat organisiert waren. Ihre räumliche Großzügigkeit, ihre Robustheit und Offenheit sind Ressourcen. Ein Rahmenplan kann diese Qualität nicht nur formal bewahren, sondern programmatisch weiterentwickeln: leistbarer Wohnraum, Raum für kleinteilige Betriebe, kulturelle Initiativen, gemeinschaftliche Nutzungen. Areal und Bestandsgebäude würden nicht als nostalgische Referenz betrachtet, sondern als programmatische Grundlage gelten. Die Rösselmühle steht exemplarisch für eine größere Frage: Ist Transformation bloß Neuverwertung oder ein gesellschaftliches Projekt? Die weiteren Entwicklungs- und Planungsphasen entscheiden darüber, ob hier ein Stück Stadt mit verbindenden Qualitäten entsteht, dessen Angebot als Magnet und Begegnungsort wie kultureller und sozialer Nahversorger taugt.

Grazerin

Der Rahmenplan zeigt laut Beilage ganz genau, dass die noch bestehende Mühle dem Abbruch freigegeben wird, denn nur mehr ein Teil ist dargestellt. Schwentner und ihr Team können nicht einmal Plan lesen. Die Stadtplanung unter grüner Verantwortung ist schlimmer als unter Nagl.

So. 08/03/2026 13:52 Permalink
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