16/12/2025

In der 61 Ausgabe seiner Kolumne befasst sich Peter Laukhardt mit der Gründungsgeschichte von Graz

16/12/2025

Bild 1: Traditionsbuch Erzbischof Dietmars II. (Digitalisat HHStA, Markierung Laukhardt)

Bild 2: Straßganger Kirche, Westfront, Foto: Laukhardt

Bild 3: Harterstraße 157, Foto: Laukhardt

Bild 4: Harterstraße 167, Foto: Laukhardt

Bild 5: Harter Straße (Landesaufnahme 1787)   

Bild 6: Sog. Graz-Urkunde von 1128 (Ausschnitt mit Markierung Laukhardt) 

Die zwei Seiten auf Bild 1 sind der im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien aufbewahrten Handschrift B 104 entnommen. Dieser „Codex Thietmarii“, das Traditionsbuch Erzbischofs Dietmars des Zweiten, enthält Nachrichten über Erwerbungen von Grundstücken und Untertanen des Salzburger Erzbischofs von 1025 bis 1041. Der Text ohne Abkürzungen ist in Joseph von Zahns Urkundenbuch I in Nr. 47 wiedergegeben:

Idem uero archiantistes (Thietmarus) incessanter sanctae domus dei inseruiens utilitati et fidelium suorum se exhibens consultui, cum Hartuuico palacii comite fecit quoddam concambium sanctæ ecclesiæ non incommodum. Tradidit namque idem comes Hartuuicus predium quod iuxta Lonsniza fluuium habuit, cum omnibus iure adiacentibus in manus archiepiscopi et aduocati sui Willihalmi ad perenne seruicium sancti Petri sanctique Rvodberti sine omnium contradictione retinendum. Pro tali uero predio archiepiscopus cum manu prefati aduocati sui decimationem quam idem comes H. de prediis suis Strazcan dictis sancte ecclesie debuit illi posterisque suis in proprietatem perenniter concessit.  Haec commutatio sub istorum presentia acta et confirmata est, Sizonis, Ortprehti, Ebarhardi, item Ebarhardi.

Was in obigem Codex in Latein festgehalten ist, wird von Historikern unterschiedlich übersetzt. Eine möglichst wortgetreue Übersetzung der entscheidenden Stellen des lateinischen Textes könnte lauten: “… Thiemarus machte mit Hartwig, dem Pfalzgrafen, folgenden nicht nachteiligen Tausch. Es übergab der Graf Hartwig das Gut, das er bei dem Fluss Laßnitz hatte, … Für dieses Gut hat der Erzbischof durch die Hand seines vorgenannten Anwalts den Zehent, den Graf H. von seinen Gütern, Straßgang genannt, der heiligen Kirche zu leisten hatte, ihm und seinen Nachkommen für ewig übertragen”.

Es wurde mit “strazganc” damals von keinem Dorf gesprochen, sondern von einem Güterverband, dessen Grundherr Hartwig war. Lokalisierungen mit “bei” oder “zu Straßgang” sind damit zu ungenau (die Westfront der wunderbaren Straßganger Kirche siehe Bild 2). Einfacher ausgedrückt: Pfalzgraf Hartwig übergibt dem Salzburger Erzbischof Dietmar II. ein Gut an der Laßnitz und wird dafür im Tauschweg von der Zahlung des Zehents auf sein Gut Straßgang befreit.

Da Pfalzgraf Hartwig II. lt. dem Salzburger Urkundenbuch, Nr. 3, in den ersten Tagen des Jahres 1026 starb und die Amtszeit des Erzbischofs Dietmar mit 1025 beginnt, ist es unzweifelhaft, dass der Rechtsakt in das Jahr 1025 zu setzen ist (“Hartuuic starb am 6. Jänner 1026 in frühem Alter, weshalb dieses Stück in den Anfang der Regierung Tietmars gehört”).

Nicht alle Historiker haben diese oft zitierte Tatsache immer so gesehen. Zahn hatte in seinem Urkundenbuch den Text (siehe oben) in das Jahr 1030 verlegt, aber minutiöse Überprüfungen von Dokumenten und Literatur bestätigen inzwischen das Jahr 1025. Letztlich hat das schon 1949 Hans Pirchegger im Ergänzungsheft zu den Urkundbüchern I bis III. selbst korrigiert: “gehört ins Jahr 1025”.

Wer war dieser bayrische Pfalzgraf Hartwig II.? Das Pfalzgrafenamt sieht der bayrische Historiker Christof Paulus in seinem 2007 erschienenen Buch nur als Belohnung für unbedingte Loyalität zum liudolfingischen Herrscherhaus vor dem Hintergrund der Aufstände in Bayern.

Die genaue Ausdehnung von Hartwigs Gut an der Laßnitz ist nicht genau bekannt. Ich verdanke Christof Paulus aber den Hinweis auf “Güter bei Kehlsdorf und Schönberg”. Karl Bracher hat das 1957 schon in seinem Aufsatz zur mittelalterlichen Geschichte des Laßnitztales festgestellt; an Stelle des Schlosses Freibühel sah er den salzburgischen Zehenthof von Weiching, der aus Hartwigs Gut hervorging.

Da Hartwig in der Blüte seiner Jahre gestorben ist, war einer seiner Söhne noch ungeboren, der andere im zartesten Alter. Pfalzgraf Aribo II. und sein Bruder Boto beteiligten sich 1053 an dem von Bayernherzog Konrad angeführten Adelsaufstand gegen Kaiser Heinrich III. Ungarische Verbündete besetzten und plünderten die Hengistburg bei Wildon. Die Besatzung, die Konrad dort zurückließ, wurde dann 1054 durch Angriffe einheimischer Ritter zermürbt, worauf sie die Burg zerstörten und nach Ungarn flüchteten. Aribo verlor seine Pfalzgrafenwürde und wurde mit seinem Bruder geächtet. Botos Besitz, Straßgang und die halbe St. Martinskirche, ging 1055 an Erzbischof Balduin. Jahre später folgte aber wieder eine teilweise Versöhnung.

Straßgang – Hart – Graz

Hartwig II. wird auch als der Gründer des Dorfes „Hart“ gesehen (es wird 1135 „Hartwigesdorf“ genannt), das an der heutigen Harterstraße lag und vom Bründlbach versorgt wurde. Heute sind nur noch kümmerliche dörfliche Reste zwischen den Häusern Harter Straße Nr. 140 und 167 zu finden (Bild 3 und Bild 4).

Wenn also das Dorf Hart 1025 schon gegründet war, dann gab es damals schon eine Verbindungsstraße, die in Straßgang von der Altstraße entlang der westlichen Grazer Bergkette abzweigte. Sie querte bei Don Bosco (auf der Karte: Pulver Magazin) die Alte Römerstraße (Alte Poststraße), verlief dann weiter über die Steinfeldstraße (der westliche Teil heißt heute Südbahnstraße) zur Prankergasse, von dort dann über Dominikaner- und Barmherzigengasse (heutige Annenstraße) zur Furt über die Mur bei der heutigen Erzherzog-Johann-Brücke (Bild 5).

Bei den archäologischen Grabungen von 2001/2002 am Hauptplatz wurde eine kleine Häusergruppe freigelegt, die wohl auch in die Sporgasse und die Sackgasse gereicht haben dürfte. Darunter befand sich auch ein Grubenhaus von 4,4 x 1,6 m Größe, das von Manfred Lehner in die erste Hälfte des 11. Jhs datiert wurde. Das könnte ein Beweis dafür sein, dass es 1025 zur Zeit der Gründung von Hart auch schon ein „Graz“ (als Gretz oder Graetz) gegeben hat. Der Name dürfte damals von den bayrischen Siedlern so nachgesprochen worden sein, wie sie es von den bereits ansässigen Slowenen als „gradec“ gehört hatten.

„Gradec“ kann man aber nicht einfach mit „kleine Burg“ übersetzen, wie das noch immer geschieht. Dass eine von bayrischen Siedlern oder Salzburger Missionaren erbaute kleine Burg von den hier schon ansässigen Bewohnern slawisch bezeichnet wird, erscheint denkbar. Aber dass die Zuzügler eine von ihren Landsleuten erbaute Burg und später den Ort weiter mit einem slawischen Wort nennen, wohl kaum!

Tatsächlich werden schon die ab 600 n. Chr. einwandernden Slowenen die Reste einer spätantiken Festungs- oder Zufluchtanlage auf dem schon in der Vorzeit besiedelt und teilweise befestigt gewesenen Schloßberg so genannt haben; diese Deutung wird durch Ergebnisse slowenischer Archäologen an vielen „gradec“-Beispielen in unserem südlichen Nachbarland bestätigt.     

Zur 2028 geplanten 900-Jahr-Feier

Graz bereitet nun schon seit längerem für das Jahr 2028 eine 900-Jahr-Feier der Nennung von Graz vor.

Der einzig triftige Grund dafür scheint mir die Tatsache, dass auch schon 1928 und 1978 solche Jubiläen gefeiert wurden. Dabei ist die ohnehin nur in einem um 1450 verfassten Kopialbuch des Klosters Rein überlieferte „Graz-Urkunde“ von 1128 längst von der Forschung als Fälschung erkannt und einer viel späteren Zeit zugeschrieben worden. Die – nachträglich noch zu einer Gründungsbestätigung für das Stift durch Markgraf Leopold verfälschte – Abschrift besagt (nach Zahn, Urkundenbuch I, n. 120): „Markgraf Leupold von Steier schenkt seinem Ministerialen Rudiger ein Gut bairischen Maßes mit der Bestimmung, dass es nach dessen unbeerbtem Tode an das Kloster Rein zu fallen hätte.“ Im Text scheint zweimal „Gracz“ auf, einmal als Ausstellungsort und dann als Prädikat des Zeugen Dietmar, der als Burggraf am Schloßberg gedeutet wird (siehe Markierungen am Auszug in Bild 6).

Die Forschung setzt die Handlung der „Graz-Urkunde“ schon lange nicht mehr für 1128 oder 1129, sondern für einige Jahrzehnte später an. Die Fälschung selbst könnte nach Reinhard Härtel 1189 nötig geworden sein, als Rein wegen des an das Kloster gefallenen Erbes Rudigers mit dem steirischen Herzog Otakar I. in Streit geriet und sich genötigt sah, einen schriftlichen Beweis vorzulegen. Dabei wurde die „Urkunde“ auch gleich nachträglich zu einer Gründungsbestätigung für das Stift durch den 1129 verstorbenen Markgraf Leopold verfälscht - ein für das Mittelalter keinesfalls ungewöhnlicher Vorgang.

Ich habe oben Belege für meine Behauptung gebracht, dass Graz 2025 eine 1000-Jahr-Feier hätte begehen müssen, weil einer seiner aktuell 17 Bezirke schon 1025 genannt wird, nämlich Straßgang. Obwohl ich alle Hinweise zur Verfügung stellte, hat Graz nicht reagiert, weder der Bezirksrat in Straßgang noch Stadtmuseum oder -archiv. Das ist schade, ändert aber nichts an der Tatsache:

Graz ist mindestens 1000 Jahre alt! 

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