Urbar Nr. 3: Bergrücken ob dem Hause des Tischlermeisters Helly
Unsere fünfte Folge führt uns in die Stiegengasse, jenen von Schloßbergbesuchern meist links liegen gelassenen Aufgang südlich der Auffahrtsstraße durch das „Freimaurerhaus“ Paulustorgasse 1. Wieder ist es eine Familie von Meistern, die über ihr Handwerk hinauswächst und höher hinauf will. Als erste Nachricht über sie ist im Bürgerbuch der Stadt Graz für 1788 vermerkt:
Hat Joseph Helle von Pregenz aus Vorderoesterreich gebürtig, dessen Vater Michael ein Bauer alldort bereits verstorben, den Bürgereid als Tischlermeister abgelegt bezahlt 14 f. 45 kr..
Ein Blick zurück: Wie wir schon gehört haben, erwähnte Anton Sigl in seinen 1828 erschienenen Aufzeichnungen über die Belagerung des Schloßberges 1809 „Der Grätzer Schloßberg - Eine kurze Sammlung von dessen Erbauung, Zerstörung und Verschönerung“ die Zeit, in der er im Spätherbst 1809 den Schloßberg verlassen musste:
Da unser Gebäude niedergerissen wurde, da ziehe ich hinunter zum Tischler Heller (Helle), wo mein Weib und Schwieger Mutter wohnten, nun hoffnungslos auf meine Aussicht, wiewohl mich der Herr von Hackher vor seiner Abreis ein Attestat ausgestellt hat, das war bei mir eine kleine Hoffnung…
Weiter, wie Teile des Berges nach der Zerstörung durch die Franzosen ab 1820 an Privatpersonen verkauft wurden:
Anfangs verkauften die Herrn Stände mehrere Plätze, erstens der Doktor Hödl, Hauptmann Zieriny, Tischler Heller, Lauderer, Ponzier, unser gewester Lieutenant.
Die richtige Schreibweise lautet: Hödl, Cerrini, Helle, Lauterer, Ponzier.
Das Versteigerungsprotokoll vom 24. April 1820 besagt:
Nach geometrischer Ausmaß 805 Quadratklafter enthaltend, und mit einem Grundzins von jährlichen 5 fl 1 ¾ kr in Conv: Münze belegt, wird ausgeruffen um den unpartheyischen Schätzungswerth pr. 241 fl 30 kr. Herr Johann Helle biethet den Schätzungswerth. Nachdem sich kein höherer Anboth ergab, so ist Herr Johann Helle als Meistbiether verblieben. Johann Helle m/p. (Erklärung zur Conventionsmünze am Ende des Beitrags).
Die Geschichte der Familie Helle, deren Nachkommen noch immer im Besitz des unbebaut gebliebenen Schloßberganteils sind, ist vor allem durch ein Manuskript überliefert, das mir Frau Prof. Elisabeth Mirtl vor einigen Jahrzehnten in Kopie übergab. Ich werde die manchmal etwas verwirrende Chronik – durch zusätzliche Recherchen ergänzt und korrigiert – hier verkürzt wiedergeben, weil es sich um eine bemerkenswerte Familie an einem besonderen Ort handelt.
Der 1745 geborene Tischlermeister Joseph Helle kaufte im Februar 1785 die kleinen Häuser Nr. 55 (heute Stiegengasse 5) von Johann Pöck, Tischlermeister, und Nr. 54 (Stiegengasse 7) von Johann Georg Bauer, ebenfalls Tischlermeister. 1791 wird von der Grundherrschaft, dem k. k. Marchfutteramt, für Joseph und Susanna Helle ein Schirmbrief für ein Haus am Fusse des Schlossberges nächst dem inneren Paulustor erstellt.
Haus Nr. 54 (Stiegengasse 7) ließ Joseph Helle 1792 von Grund auf erneuern. Eduard Andorfer sah 1934 hier noch am Kämpferstein des Portals diese Jahreszahl, am Schlussstein J. H.; heute ist davon nichts mehr zu sehen. Vermutlich erforderten Kriegsschäden die Neugestaltung der Fassade, denn am 31. Jänner 1945 schlug in unmittelbarer Nähe eine Bombe ein und tötete zwei unvorsichtige Personen vor dem Stolleneingang U (heute oberer Ausgang der Passage zum Schloßbergplatz).
Joseph Helle erwarb 1798 auch noch in der Körösistraße 66 ein Haus, wo dann um 1850 Josef Körösi die k. k. privilegierte Eisenschnallen-, Ketten-, Ringel- und Geschmeidewarenfabrik gründete, die noch vor einigen Jahrzehnten als Kettenfabrik Pengg-Walenta bekannt war. Joseph Helle starb am 14. März 1811 im Alter von 66 Jahre an Altersschwäche. Sein Sohn Johann Helle wird 1813 bereits als Besitzer der Häuser Stiegengasse 5 (Am Fuße des Schloßbergs, Nr. 71) und 7 (Nr. 70) genannt. Die pittoreske Gasse mit ihren Steinstufen erinnert mich ein wenig an das Goldmachergässchen in Prag (Bild 2).
Nach dem 1819 erfolgten Verkauf des Hauses Nr. 71 an Jakob Ruß, ersteigerte Johann Helle also 1820 das Grundstück Urbar Nr. 3 (später Grundstück 503) am Schloßberghang um die genannten 241 Gulden 30 Kreuzer. Direkt an die durch die Sprengungen von 1809 schwer beschädigte Kurtinenmauer baute Helle 1822 eine Gastwirtschaft an, die er mit seiner Frau Elise, geb. Stöger aus Marburg, führte; mit deren Vater, Joseph Stöger, verband Helle auch eine Geschäftsbeziehung. Er nannte das Gasthaus „Zum Uhrturm“ (oder „Zur Thurmuhr“, wie es manchmal in Zeitungsanzeigen dieser Epoche hieß) und stattete es mit einer großen Terrasse und Sitzbänken aus. Ein Ausschnitt des 1823 von Antonio Sacchetti vom Uhrturm aus gezeichneten Rundbilds „Panorama vom Schloßberg“ zeigt die Anlage gut (Bild 3); das Original im Landesarchiv ist 551 cm lang und 77 ‑ 83 cm hoch und weist Hinweise auf die geplante Kolorierung auf.
Vermutlich dürfte Johann Helle auch schon die auf diesem Bild sichtbaren Gasleuchten des Aufgangs finanziert haben; noch heute sind am Schloßberg wie in der Schubertstraße Gasleuchten in Betrieb! In der Grätzer Zeitung vom 15. Oktober 1822 lässt Helle durchblicken, dass seine Investition von Erfolg gekrönt war: Gehorsamst Unterzeichneter danket verbindlichst dem hochverehrtesten Publikum für den ihm diesen Sommer hindurch geschenkten zahlreichen Zuspruch. Zugleich hat er die Ehre bekannt zu geben, daß er einen vorzüglich guten neuen untersteyerischen Wein ausschenket, und empfiehlt sich einem ferneren geneigten Zuspruch. Johann Helle.
Albert Johann Polsterer, der spätere Chefredakteur der Grätzer Zeitung, spricht 1827 in seinem Büchlein „Grätz und seine Umgebung“ schon von dem „viel besuchten Gasthaus des Hrn. Helle“. Der Grazer Schriftsteller Josef Carl Hofrichter berichtete in seinem Aufsatz „Graz vor 60 Jahren“ im Grazer Volksblatt am 13. Februar 1885: Dieser Fußweg wurde mit einer aus Akazien und Hainbuchen gebildeten Allee bepflanzt. Auf diesem bequemen, schattigen Weg gelangte man unmittelbar zu dem Gasthause zum Uhrthurm des Herrn Helle, bürgerlichen Tischlermeisters, welcher am Fuße des Berges sein Haus und seine Werkstätten etc. besaß.
Dieses Gasthaus bestand schon vor sechzig Jahren und war zu jener Zeit (sowie auch noch viel später) ein auserwählter Vergnügungsort der Grazer, besonders aus den besseren Ständen, welche dasselbe sehr gerne und zahlreich besuchten, dort Diners, Soupers, Hochzeitstafeln u. dgl. zu arrangiren pflegten oder sich sonst dort belustigten. Zudem war die Lage dieses Gasthauses eine sehr günstige; denn sie gewährte eine schöne Aussicht, welche besonders bei der Mondbeleuchtung entzückend schön war.
Fußnote: Einen eigenthümlichen Reiz gewährte an einem schönen Sommerabende der Anblick der hell erleuchteten Terrasse vor diesem Gasthause, aus welcher fröhliches Geplauder der Gäste, frohe Lieder und Becherklank in die stille Nacht hinaus erschallten, während der Vollmond sein magisches Licht über die ganze weite Umgebung, über die Thürme und Dächer der Stadt, über den Schloßberg selbst und den massiven Uhrthurm ergoß, dessen Contouren sich scharf an dem nächtlichen Himmel abzeichneten, oder während die heiteren Klänge einer Harmonie-Musik dort verhallten. Allein auch dieser Gasthausgarten verlor allmälig seine Anziehungskraft und schon seit vielen Jahren hat dort die Gastwirthschaft aufgehört.
Da das Gasthaus unter dem Uhrturm nur in der warmen Jahreszeit betrieben werden konnte, wurde die Konzession mit Dekret vom 29. August 1835 in eine unbeschränkte geändert, welche im Winter auch an anderen Orten ausgeübt werden konnte. Das wird in Anzeigen in der Grätzer Zeitung bestätigt: Am 8. Oktober 1838 gibt Johann Helle hier nämlich bekannt, dass er seinen „Sommerausschank zur Thurmuhr am Schloßberge“ am 6. Oktober in seine eigene untere Behausung unter gleichem Schilde, am Fuße des Schloßberges Nr. 87 (heute Stiegengasse 7) neu übertragen habe, und bittet um einen geneigten Besuch. Am 22. April des folgenden Jahres teilt er wiederum mit, daß er seit 18. April 1839 an sein Gasthaus auf der beliebten Anhöhe am Schloßberge eröffnet haben, und bittet daher um geneigten Besuch.
Das erste Lokal dürfte, wie aus Bild 3 ersichtlich, zumindest teilweise aus Holz gezimmert gewesen sein. Ein 1838 von Johann Chrysostomus von Ponzier – von dem wir noch hören werden – eher naiv gemaltes Aquarell zeigt nun schon ein gemauertes, zweigeschossiges Haus mit fünf Fensterachsen (Bild 4). 1840 suchte Johann Helle bei der Baudirektion um eine Erweiterung der salatreen an; damit war wohl eine sala terrena gemeint. Eine Kaiser’sche Ansicht von ca.1845 zeigt das Areal um den Uhrturm von Norden (Bild 5).
Bemerkenswert ist hier der „Steinerne Hund“ auf einer Säule direkt an der Hauskante – damit beim Haupttor der ehemaligen Festung. Der Sage nach hat er 1480 durch sein Gebell die Entführung der Kaisertochter Kunigunde durch ungarische Truppen vereitelt. Die Steinplastik stammt aus dem 18. Jh. und ist vielleicht ein Denkmal für das Lieblingstier eines Schlosshauptmanns; sie musste – wohl aus Verkehrsrücksichten – noch im 19. Jh. an die Nordmauer des Helle’schen Besitzung ausweichen (Bild 6), wo sie leider kaum beachtet wird. Eine andere Kaiser‘sche Ansicht von 1845 zeigt die an das Hauptgebäude anstoßende sala terrena als stattlichen Salon mit großen Fenstern und auch das „Lusthaus“ (Bild 7).
Auch Johann Helles Sohn Anton, geboren am 18. April 1818, ging bei seinem Vater in die Lehre und hätte nach seiner Freisprechung 1838 lt. seinem erhaltenen Wanderbuch weite Reisen vor sich gehabt, musste aber wegen der Krankheit seines Vaters zurückkehren und die Tischlerei als Werkmeister weiterführen. Johann Helle starb 1846, und seiner Witwe Elise wurde mit Bescheid vom 7. Mai 1846 der Weiterbetrieb des Gasthauses am Schloßberg bewilligt. Am 14. März 1850 verkaufte sie das Gasthaus an ihren Sohn Anton Helle, der dafür auch die Verpflichtung übernommen hatte, seiner Mutter einen jährlichen Unterhalt von 150 f. C. M. zu zahlen.
Als 1849 während einer kurzen Reise von Anton Helle an der heutigen Adresse Stiegengasse 9 (damals Nr. 86/1) die Neben- und Werkstattgebäude abbrannten, ließ der Geschädigte 1850 von Baumeister Carl Aichinger einen Neubau errichten. Dafür hatte er nicht nur nachbarliche Hilfe, sondern auch Kredit in Anspruch nehmen müssen; ein Schuldbrief vom 14. März 1850 in Höhe von 2.000 fl C. M. zu Gunsten einer Frau Bart (Bartl?) wurde am 2. April 1853 auf der vorher mit 16.466 Gulden geschätzten Realität am Fuße des Schloßbergs (heute Stiegengasse 9) im Grundbuch eingetragen.
1850 hatte Anton Helle das Haus Stiegengasse 7 an Andreas Tomaschitz weitergegeben – im Tauschweg gegen das baufällige Haus Naglergasse (heute Lessingstraße 3), das dann 1864 von Carl Aichinger für Helle und Tomaschitz neu erbaut wurde. Ich erinnere mich noch an den alten Stiegenaufgang mit seinen weichen, abgetretenen Holzstufen.
Anton Helle bedankte sich bei den hilfreichen Nachbarn 1850 durch die Fertigstellung eines tiefen, angeblich bis zu einer Quelle führenden Brunnens (beim heute noch mit „Murnockerln“ gepflasterten dreieckigen Platzl, siehe Bild 2), worauf diese ihm das Gedicht Brunnendank widmeten (Bild 8, Text am Ende des Beitrags).
1856 wurde Helles Werk zum öffentlichen Brunnen erklärt und seine Erhaltung auf Gemeindekosten angeordnet. Erst nach Fertigstellung der städtischen Wasserleitung durch die Unternehmer Oscar von Pongratz und John Moore 1872 wurde der Brunnen aufgelassen und mit einer Steinplatte verschlossen.
Von der im Titelbild gebrachten Ansicht von Carl Domenigg aus 1852 zeigt ein Ausschnitt den Plan von der Besitzung des Anton Helle No. 91 am Gratzer Schloßberge mit Grundrissen und Schnitten des Gasthauses (Bild 9 oben). Es hatte ebenerdig – von einem Vorsaal aus erreichbar – die Küche und ein Zimmer, unter dem sich der Keller befand, im Obergeschoß zwei Zimmer und zwei Cabinets. Dem Erdgeschoss war etwas vorspringend der längliche Salon angebaut, die Terrasse durch ein kleines Lusthaus bereichert (siehe auch Bild 7).
Am 30. September 1855 hatte Frau Elisabeth Helle an den Magistrat das Ersuchen um Übertragung ihrer Gasthauskonzession auf ihren Sohn Anton Helle eingereicht. In der Erledigung des Magistrats vom 24. März 1856 wurde das Gesuch jedoch abgewiesen und die Konzession Herrn Joseph Bergmann, Franz Kaar und Lorenz Maier verliehen. Da diese Namen aber in der Öffentlichkeit nicht auftauchen, ist davon auszugehen, dass Anton Helle als Eigentümer der Liegenschaft diese Konzessionsvergabe nicht akzeptierte und beschloss, das Gasthaus „Zum Uhrturm“ zu verkaufen.
Als 1856 das neue, größere Franzosenkreuz in der Kehre der Auffahrtsstraße eingeweiht wurde, hat die Familie Helle das alte Kruzifix in ihre Betreuung genommen. Nach einer von Frau Prof. Mirtl veranlassten Restaurierung des Corpus im Jahre 1998 ist es noch heute im Garten oberhalb des Wohnhauses Stiegengasse 9 zu sehen (Bild 10).
Aus diesem Jahre hat uns Wilhelm von Kalchberg in seinem Büchlein „Der Grazer Schloßberg und seine Umgebungen“ auch eine schöne Beschreibung des Gasthauses hinterlassen:
… sowohl durch seine Lage, als geschmackvolle Einrichtung ausgezeichnet. Die breite Terrasse vor demselben ist von Bäumen beschattet, mit Lusthäuschen, Kiosk, Musikpavillon und einem eleganten Salon versehen, dessen breite Front eine Glaswand bildet. Von hier hat meine eine sehr schöne Fernsicht, die besonders bei magischem Mondlichte entzückend ist. Oft versammeln sich da heitere Gesellschaften und froh erschallen ihre Alpenlieder, bei Cyther- und Becherklang, in die stille Nacht hinaus.
Schon 1857 hatte die Baudirektion die Eignung des Bauwerkes für eine öffentliche Einrichtung untersucht: Plan vom Helle’schen Hause No. 91 am Schloßberge mit der Darstellung, auf welche Art die Wohnungen für die ständ. Feuerwächter zu gewinnen wären. Es wären vier Wohnungen unterzubringen gewesen, und dem Mittelteil wäre in beiden Geschossen ein Alcoven vorgesetzt worden. Mit Vertrag vom 4. Jänner 1858 haben daraufhin die Landstände die Bauparzelle 503 in einer Größe von 175 Quadratklaftern samt dem Bauwerk um 5300 Gulden C. M. zurückgekauft.
Vom 24. August 1858 liegt im Landesarchiv ein zweiter Plan ein: Uiber die Adaptierung des vormals Helle’schen nun ständ. Hauses No. 91 am Schlossberge zur Unterbringung der ständ. Feuerwächter. Dieser Plan brachte die Erweiterung des Helle’schen Hauses, vor allem durch den Ausbau des einstigen, durch Fenster geöffnet gewesenen Salons. So wurden insgesamt fünf beheizbare Wohnungen geschaffen, die jeweils über Küche, Cabinet, Zimmer und Aborte verfügten (Bild 9 unten). Für die damals am Schloßberg, auch im Uhrturm, diensthabenden Feuerwächter und ihre Familien bedeutete dies einen großen Fortschritt.
Anton Helle sicherte sich nun einen neuen Standort für ein Kaffeehaus in der Stadt. Er erkaufte 1858 vom Grafen Trauttmansdorff das vermutlich von Josef Benedikt Withalm d. Ä. für Kaspar Andreas Ritter von Jakomini 1791 erbaute schöne Haus „Zum Eisernen Mann“ (heute Jakominiplatz 15, Ecke Reitschulgasse, mit der namengebenden Metallplastik eines Ritters), wofür er einen Kredit von 3.500 Gulden bei der Steiermärkischen Sparkasse aufnehmen musste. Nach seiner Mutter, die ihm am 21. Dezember 1860 auch das Haus Stiegengasse 9 verkauft hatte, nannte er das Lokal „Elisabethkeller“. 1866 erbrachte eine von Helle angestrengte Schätzung dieser Realität (Bauparzelle Nr. 77, 334 quklftr., 1829 Haus Reitschulgasse Nr. 82, 1865: Nr. 130) einen Wert von 60.300 fl. C. M.!
Anton Helle blieb aber auch dem Schloßberg als Gastronom erhalten. Am 1. März 1862 hat er von dem in Konkurs gegangenen Anton Moser die Pacht des am Glockenturm angebauten Gasthauses „Zur Hochalpe“ samt Keller und am 1. Mai dieses Jahres die des „Schweizerhauses“ am Osthang gegen 850 Gulden Ablöse übernommen. Die „Hochalpe“ hat Helle aber schon am 1. Juni 1863 an Ignaz Grois (oder Krois) weitergegeben. Das waren aber nicht die ersten Erfrischungsstationen am Schloßberg; wir werden darüber ein anderes Mal näher berichten.
Anton Helle führte auch die Tischlerei weiter. Von 1851 bis 1861 hatte er seine größten Arbeitsaufträge in Graz, aber auch bei Militärbauten in Fiume (Rijeka) und Pola (Pula). Sein dadurch erworbenes Vermögen hat er in weiteren Immobilien angelegt. So ließ er von Baumeister Carl Follius zwei Herrschaftshäuser errichten: 1861-62 das Haus Beethovenstraße 17 und 1863-64 Nr. 15; diese zwei palaisartigen Bauten gehören mit den breiten Vorgärten zu den schönsten der Gründerzeit. Kurz danach schuf Follius für ihn die zwei dreistöckigen Zinshäuser in der neueröffneten Schillerstraße Nr. 2 (1866-67) und Nr. 4 (1867-68).
1867 wollte Helle noch mit zwei Partnern in der Wienerstrasse die erste Parkettenfabrik errichten und die Tischlerei am Schloßberg nur mehr im kleineren Maße betreiben. Dieser Plan kam aber nicht mehr zur Ausführung, denn am 13. April 1868, einem Ostermontag, erlag er nach kurzer Bettlägerigkeit einer tückischen Krankheit. Seine zweite Frau Julie verkaufte das Gewerbe, die Tischlergerechtsame, und ließ an Stelle der zwei großen Werkstätten Privatwohnungen errichten. Die beiden Häuser in der Beethovenstraße waren noch von Herr Helle an Baron Jordis bzw. an die Gräfin von Erdödy weiterverkauft worden, die anderen von seiner Witwe Julie bzw. ihren Erben. So blieb von den einst Helle’schen Besitztümern nur das Haus Stiegengasse 9 in der Familie.
Durch den Vertrag vom 17. April 1885 wurde der Schloßberg und mit ihm auch das ehemals Helle‘sche Gasthaus „Zum Uhrturm“ von den Landständen der Stadt Graz übergeben. Wenn wir in die Nachkriegszeit zurückblicken, so sehen wir, dass wegen der damaligen Wohnungsnot in allen städtischen Baulichkeiten des Schloßberg Familien zum Teil sehr notdürftig untergekommen waren: im Glockenturm, auf der Stallbastei, im Starckehäuschen, im Cerrinischlössl und natürlich auch im ehemaligen Gasthaus von Helle.
Im Zuge der Arbeiten am Masterplan Schloßberg 3000 wurde auch das noch ungenutzte Potenzial im Bereich des Uhrturms, nämlich der Kasematte und des ehemaligen Helleschen Gasthauses, diskutiert. Die Liegenschaftsabteilung der Stadt Graz hat daraufhin 2009 bei Architekt Christian Andexer eine Machbarkeitsstudie zur Revitalisierung des Gasthauses „Zum Uhrturm“ in Auftrag gegeben. Die vom Grazer Juwelier und Stadtaktivisten Hans Schullin ventilierte Überlegung war von der Idee ausgegangen, in der vom Lift aus erreichbaren Uhrturmkasematte eine steirische Vinothek einzurichten; durch einen neuen Gang sollte sie mit dem Haus Schloßberg 1 und seiner Terrasse verbunden werden, dort war an eine Buschenschank gedacht (Bild 11).
Die in den Wohnungen an dieser Adresse eingemieteten Familien hatten sich aber schon 2004 in einer öffentlichen Aktion gegen solche Pläne gewehrt. Die damalige Stadträtin und heutige Bürgermeisterin Elke Kahr war davon ebenfalls nicht angetan, zumal auch kein großzügiger Investor in Sicht war, der Ersatz angeboten hätte. So verbleiben vorerst hier am Schloßberg die Gemeindewohnungen mit der schönsten Aussicht auf Graz (Bild 12).
Peter Laukhardt
Fortsetzung folgt.
Wässeriges Dankgedicht der Nachbarschaft an Herrn Anton Helle für den schönen Brunn.
Wie die Juden in der Wüste aus Wassernot
Vom schrecklichsten Tode waren bedroht,
So schlug der Moses mit seinem Stab
Den Felsen und gleich floss Wasser herab.
Das war ein Jubel! Vor Freuden schrie,
Ein jeder Mensch und jedes Vieh!
Ein solcher Moses nach altem Brauch,
Ist unser Nachbar Herr Helle auch.
Er hat uns einen Brunnen gestellt,
Der uns so lange hat gefehlt!
Und wieder hört man viel Freudengeschrei,
Nur ist diesmal kein Vieh dabei.
Der Vater und Grossvater habens probiert,
Es hats aber keiner zu Ende geführt,
Da hat es endlich der Sohn getan,
Und die Zwei im Himmel freuen sich dran!
Zwar wenn er lebte der alte Herr,
So hätten wir eine Freude mehr!
Wir alle Nachbarn ringsum thun,
Uns schön bedanken für den Brunn,
So viel Tropfen Wasser uns Herr Helle gegeben
So viel Jahr soll er recht glücklich leben
Denn so einen Nachbarn find‘ man nicht leicht:
Der allen Anderen – Das Wasser reicht!
Die dankbaren Nachbarn. Gratz, am 30. März 1850
Zum Begriff der Conventions-Münze: Entsprechend einer 1753 zwischen Bayern und Österreich abgeschlossenen Münzkonvention (zehn Taler entsprachen danach 20 Gulden) tauschte die österreichische Nationalbank 1820 das Papiergeld der Wiener Währung im Verhältnis 2,5:1 in Gulden Conventionsmünze um.