Schloßberg Folge 6: Die 1820 ersteigerten Schloßberganteile 4 – 14
Wir haben bisher die 1820 von Privaten den Landständen im Versteigerungswege abgekauften Parzellen bzw. Urbar-Nrn. 1 – 3 behandelt (Bürgerbastei, Lauterergraben, Helles Gasthaus). Vielleicht gerade, weil die nun in der Liste folgenden Schloßberganteile nicht zu den bekanntesten gehören, möchte ich zeigen, dass wir diesen am Bergfuß liegenden Grundstücken, dem Versteigerungsprotokoll und den Käufern doch sehr interessante Details abgewinnen können.
Zur besseren Übersicht habe ich die auch schon im früher gezeigten Plan gewählte Nummerierung der Urbare nach der Beschreibung und Ertrags Fassion vom 17. Februar 1838 beibehalten und nicht die des Versteigerungsprotokolls vom 24. April 1820.
Urbar Nr. 4: Karl Reckenzaun (heute Paulustorgasse 15)
Nach der Aktualisierung der im Grundbuch der „Gült Landhaus“ noch immer als „Urbar“-Nummern bezeichneten Parzellen-Nummern 4 (nächst dem Kreutze), 5 (ober dem Reckenzaunschen Hause) und 6 (anrainend an die alte Stadtmauer) wurde daraus die neue Nr. 4, die in Summe von Karl Reckenzaun ersteigert worden ist. Die drei Grundteile, zusammen 2.496 4/5 Quadratklafter (Bild 2) enthaltend gingen an ihn als Meistbieter zum unpartheyischen Schätzungswerth von zusammen 511 Gulden 48 Kronen (siehe Anmerkung im Anhang *).
Der aus Mureck stammende Brauer Karl Reckenzaun (auch Rechenzaun und Röckenzaun) leistete 1778 in Graz den Bürgereid und war von 1777 bis 1801 Besitzer des einst vornehmsten und schönsten Gasthofes der Stadt, dem „Kastlwirt“ in der Brückenkopfgasse 7, in dem 1800 auch Lord Nelson und Lady Hamilton genächtigt haben.
Das „Reckenzaunsche Haus“ (Bild 3) hat er 1804 der Anna Gräfin von Saurau abgekauft. Erbaut worden war das schlossartige Gebäude mit den vier Ecktürmen 1578-83 vom Hofkriegsrat Franz von Poppendorf noch außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer (das innere Paulustor lag bei Sporgasse 27); die wechselvolle Geschichte der „Palmburg“ ist an anderer Stelle nachzulesen. [1]
Wie man in Bild 1 erkennen kann, hatte Reckenzaun 1829 auf der ersteigerten Parzelle schon Gartenwege angelegt. Davon ist noch ein unbefestigter, kaum begehbarer Pfad erhalten; er zieht sich entlang des felsigen Absturzes in Richtung zu einer Bresche in der Stadtmauer ober dem Paulustor hin. Auf der Bastei darunter und im Paulustor befand sich damals die Garnisons Artillerie Werckstätte.
Urbar Nrn. 5, 6, 7: Joseph Halbärth
Diese drei, an das K. k. militair Holz Magazin anschließenden Schloßberganteile, enthaltend 4229 4/6 quklftr., ersteigerte am 24. April 1820 Joseph Halbärth zum Gesamtpreis von 2100 fl. 23 kr. Die oberhalb gelegene Parzelle Nr. 7 wurde aus dem Versteigerungsprotokoll gestrichen, da sich dafür kein Interessent fand; die Halbärthschen Erwerbungen blieben aber in drei Urbar-Nummern geteilt (5, 6 und 7).
Halbärth (1762 – 1846) leistete 1809 als Hauseigentümer den Bürgereid und besaß den florierenden Spezereiwarenhandel „zum goldenen Engel am Hauptplatz im Pilgramschen Hause“ (Nordstern-Haus, Sackstraße 2) und wohnte gegenüber auf Nr. 7, ab dem Ende des Jahrhunderts Kaufhaus Kastner & Öhler; er war auch Teilhaber einer großen Handelsgesellschaft und von Realitäten in Triest.
Aus einer exekutiven Versteigerung hatte er 1807 die Weißgeschirr- bzw. Fayencenfabrik in der „Krüglfabriksgasse“, heute Fabriksgasse 17, erstanden. Das um 1770 erbaute Barockschlössl Lazarettgürtel 77 (Bild 4), irrig als „Falkenhof“ bezeichnet, diente ihm danach mit sieben Zimmern als feudaler Wohnsitz. Wie wir aus seinem Pacht- bzw. Verkaufsangebot vom Mai 1824 erfahren, gehörten zum Anwesen, das mit einer Mauer umfriedet war, neben der Fabrik auch eine Meierei, dazu Stallungen und Wagenremisen. An den für die Grazer Wirtschaftsgeschichte bedeutenden Großhandelskaufmann erinnert ein Gemälde aus 1820 in der Porträtsammlung des Stadtmuseums (eingefügt in Bild 4).
1816 forderte Halbärth das Fällen von neun Bäumen für den Bau seines Hauses „vor dem Sacktor“. Damit wird das Grundstück unterhalb der Parzelle (Urbar-Nr.) 6 zum Bauplatz. Nach dem Bauparzellenprotokoll von 1829 war an der Adresse „Hintern Schloßberg“ schon das prächtige Eckhaus Jahngasse 9 - Wickenburggasse 1 erbaut (Bild 5), das erst kürzlich restauriert wurde (Bild 6). Am Fuße des Schloßbergs wurden hier und hinter den späteren Nachbarhäusern schöne Gärten angelegt (Bild 7).
1842 plante Johann von Zehentner, der neue Besitzer des Eckhauses, auf seinem Gartengrund die Errichtung von drei Wohnhäusern anstelle der ebenerdigen Nebengebäude; zur Ausführung kam damals aber nur das Mittelhaus Wickenburggasse 5 und der rechte Flügel Nr. 7. Das als Mittelbau mit einem dreieckigen Frontispiz hervorstechende Gebäude wurde auch „Haus an der Schütt“ genannt, weil sich dahinter der vom Schloßberg heruntergestürzte Schutt der 1809 zerstörten Festung befindet. Wie eine Gedenktafel ober dem Portal berichtet, war hier 1865 Peter Roseggers erster Wohnsitz in Graz. Hier vermietete ihm der pensionierte Finanzrat Franz Frühauf nicht nur ein Zimmer, sondern wurde ihm auch ein väterlicher Freund.
Halbärth starb 1846. Im Jahre 1818 hatte er die Würde eines Stadtkämmerers erhalten, und 1830 bekam er über sein Ansuchen die mittlere goldene Ehrenmedaille für seine Verdienste in den Franzosenjahren 1801 bis 1813; noch zu seinen Lebzeiten wurde die nach 1790 entstandene Halbärthgasse bei der Grazer Universität 1844 nach ihm benannt.
Nach Wickenburggasse 7 beginnt die 1839 begonnene Weldenstraße, von der bald der Major-Hackher-Weg rechts abzweigt; er bildete die Grenze, bis zu welcher die hier behandelten Schloßberggründe versteigert wurden.
Urbar Nrn. 8, 9: Johann Nepomuk Ruppert (heute Wickenburggasse 9 und 11/13)
Der Grundantheil an der vom Sackthor nach dem Graben führenden Straße, nächst dem Hausgarten
des Melblers (Parzelle 8 mit 328 4/5 quklftr.) und der Grundantheil hinter dem Garten des Melbers (Parzelle 9 mit 406 quklftr.) wurden um den Schätzwert von zusammen 178 fl. 19 kr. an Johann Nepomuk Ruppert (oder Rupert) als Meistbieter abgegeben.
Das wie eine Villa freistehende Haus Wickenburggasse 9 (Bild 8) ist als Geburtsort der „Königin der Operette“ Marie Geistinger (1836 – 1903) bekannt und wurde erst kürzlich restauriert und erweitert. Es war 1827/28 errichtet worden, die späthistoristische Fassade mit neobarocken Stuckkartuschen entstand dann 1913.
Das langgestreckte, zweigeschossige Wohnhaus Wickenburggasse 11/13 (Bild 8) wurde 1844 von Carl Aichinger errichtet, wohl an der Stelle oder als Erweiterung jenes Altbaus, das im Versteigerungsprotokoll als Haus des Melblers (Mehlverkäufers) genannt wird, wohl des aus Schönau beim Königssee zugewanderten Josef Mayer, der 1818 den Bürgereid abgelegt hatte. In Bild 1 ist das Gebäude unter Mühlganggasse 123 eingezeichnet zu sehen; die westliche Wickenburggasse gehörte lt. Riedkarte 1829 nämlich schon zur KG „Graben“. Unter den großen Steinen des Fundamentes finden sich einige Spolien aus Sandstein, die von Basteikanten der Schloßbergfestung oder des dritten Sacktores stammen dürften. Die Terrassen darüber sind heute als Obstgärten genutzt (Bild 8 oben).
Aus den Häuserbüchern dieser Zeit erfahren wir: Joh. Nep. Ruppert wohnte 1812 als „Ingrossist der ständischen Buchhaltung am Grätzbache“, 1823 als „Kanzlist im Landrecht“ in der Jakominigasse und 1824 als „Kanzlist“ in der Reitschulgasse; er war also im Gerichtsdienst tätig.
Urbar Nr. 10: Franz Sales Feltl (heute Wickenburggasse 15)
Grundantheil ob dem Hausgarten des alten Glockengießers Herr Feltl. Auch diese Parzelle mit 168 4/6 quklftr. wollte Joh. Nep. Ruppert zum Schätzpreis von 16 fl. 52 kr. ersteigern, wurde aber vom Besitzer des darunter stehenden Hauses, Franz Sales Feltl, überboten, der schließlich 30 fl. 30 kr. bezahlte.
Das Gebäude (Bild 8) war 1685 als Teil des Glockengießer-Komplexes gemeinsam mit dem Nachbarhaus errichtet worden.
Urbar Nr. 11: Johann Feltl (heute Kaiser-Franz-Josef-Kai 70, vorher Wickenburggasse 17)
Grundantheil ob dem Hausgarten des jungen Glockengießers Hr Feltl Junior. Das 873 3/6 quklftr. umfassende Grundstück ging zum Schätzwert von 131 fl. 1 2/4 kr. an Johann Feltl (den Sohn von Franz Sales Feltl).
Im Jahre 1530 wurde hier die kaiserliche Gießhütte erbaut, 1663 wegen der Türkengefahr abgerissen und sollte auf einen Platz beim Paulustor übersetzt werden. Sie erstand bald darauf, nämlich 1685, als Glockengießerhaus an der gleichen Stelle wieder, doch musste 1712 der Glockengießer Kippo ein Nebengebäude aus militärischen Gründen wieder abbrechen. Im 18. Jh. wurde das Gebäude wieder erweitert und war von 1783 bis 1855 Sitz der Glockengießerfamilie Feltl. Der Nordflügel des dreiseitigen Komplexes mit dem ummauerten Vorhof erhielt seine Biedermeierfassade 1828/29 und wurde in den folgenden Epochen mehrfach umgebaut und adaptiert (Bild 9). Die am Berghang angelegten Terrassen haben schon bessere Zeiten gesehen (Bild 9 oben).
Am südlichen Ende des Grundstücks ist das kleine „Basteitürmchen“ (Bild 10 oben) bemerkenswert, das einen Aufgang aus dem Stadtgraben vor dem dritten Sacktor auf die Grabenmauer schützte; vor Jahren habe ich hier ein leider immer wieder von Efeu überwuchertes steinernes Glockenrelief entdeckt, mit dem sich ein Glockengießer (vermutlich aus der Familie Feltl) verewigt hat (Bild 10 unten).
Zu den Arbeiten der Glockengießerfamilie Feltl – vor allem am Grazer Schloßberg – habe ich durch jahrelange Recherchen einige Erkenntnisse erarbeitet, die in den bisherigen Publikationen fehlen. Dafür wird es aber einer eigenen Folge bedürfen.
Urbar Nr. 12: Johann Saurer (heute Kaiser-Franz-Josef-Kai 60, Kindergarten)
Der Grundantheil ob dem Hausgarten des Herrn Sauerer, Müllermeister im Ausmaß von 470 4/6 quklftr. wurde von Johann Saurer (auch Sauerer) als Meistbieter um 70 fl. 36 kr. ersteigert. Dieser Hausgarten befand sich zwischen der älteren steinernen Stadtmauer und der noch gut erhaltenen bergseitigen Sacktorbastei (Bild 11 oben), an deren Fuß heute ein Stück der vom einstigen Tor stammenden Inschrift Kaiser Ferdinands II. (Ferd. rom. Imp.) eingemauert ist (Bild 11 unten). Heute gehört die ersteigerte Parzelle 12 als grüne Lunge zum Kindergarten.
Johann Saurer hatte 1807 dem Sigmund Freiherrn von Schwitzen um 8.000 fl. die „Mahlmühle und Säge außer dem Sacktor“ abgekauft, die heute bei Körösistraße 17 zu suchen wäre. Er betrieb bis 1816 auch die landschaftliche Mühle in Neudorf, auch als „Schlatzermühle“ bekannt (heute Ursprungweg 160, knapp an der Grenze zum Bezirk Andritz). Von 1817 bis 1820 besaß Saurer das Haus Prokopigasse 8. Er starb am 15. Jänner 1826 als gewesener Müllermeister außer dem Sackthore.
Urbar Nr. 13: Johann Nep. Ruppert
Da diese Parzelle später von Dr. Bonaventura Hödl übernommen wurde, wird sie in der nächsten Folge mitbehandelt werden.
Urbar Nr. 14: Franz Xaver Aichinger (heute Kaiser-Franz-Josef-Kai 52)
Der Grundantheil ob dem Garten des Aichingerischen Hauses im Ausmaß von 182 3/6 quklftr. ging am 24. April 1820 für 9 fl. 7 2/4 kr. an F: X: Aichinger. Sein damaliges Haus (in Bild 1 die Bauparzellen-Nr. 400) ist heute jenes bemerkenswerte, vor einigen Jahres restaurierte Gebäude, dessen interessanter Arkadenhof im ersten Stock liegt; ich habe es in der Serie „100 Grazer Arkadenhöfe“ in Schau doch! Folge 38 beschrieben. Die Urbar-Nr. 14 lag oberhalb des Gartens mit der Grundparzelle Nr. 129, reichte bis zum jetzigen Major-Hackher-Weg.
Franz Xaver Aichinger war einer der erfolgreichsten Grazer Baumeister seiner Zeit. Von ihm stammt u. a. das klassizistische Café Promenade vor dem Burgtor.
Interessant ist, dass am Plan von 1829 (Bild 1) alle Parzellen von Urbar-Nr. 10 bis 12 rosa gemalt, d.h. bereits mit Weinstöcken besetzt waren, die es vorher nur in weiter stadteinwärts liegenden Gärten gab. Die aus den Parzellen 13 und 14 entstandenen Terrassen (Bild 12) gehören heute zu den gepflegtesten am Schloßberghang.
Fortsetzung folgt
* Anmerkung: Der österreichische Gulden (fl.) von 1820 wurde in 60 Kreuzer (kr.) geteilt und entspricht einem heutigen Wert von 15 bis 20 Euro. Daraus lässt sich ableiten, dass die Ersteigerung der Schloßberganteile keine großen Summen erforderte.