Die Innenstadt von Karlsruhe hat in den letzten Jahren viele Veränderungen durchgemacht. Was waren aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für den Einzelhandel nach Pandemie und U-Bahn-Bau?
Joa: Ein zentrales Thema ist sicherlich die Situation rund um den Einzelhandel, der stark unter der jahrelangen Baustellensituation gelitten hat – insbesondere im Zusammenhang mit dem Großbauprojekt, also dem Bau des Stadtbahn-Tunnels. Diese Baustellen dauerten fast ein Jahrzehnt an und haben mit ihren Einschränkungen den Einzelhändlern das Überleben schwergemacht.
Gleichzeitig gibt es auch einen großen Wandel durch den Onlinehandel. Wie sehr spürt man das in Karlsruhe?
Joa: Die Verschiebung hin zum Onlinehandel ist ein strukturelles Problem, das Karlsruhe nicht allein trifft. Aber hier kommt erschwerend hinzu, dass sich auch die Aufenthaltsqualität durch Baustellen verschlechtert hatte. Die Stadt hat zwar begonnen, neue Strategien zu entwickeln – etwa im Bereich der Innenstadtentwicklung Ost –, aber ein wirklich roter Faden ist meines Erachtens noch nicht erkennbar.
Was wären aus Ihrer Sicht sinnvolle Maßnahmen zur Verbesserung der Innenstadt?
Joa: Ich denke, es geht viel um Aufenthaltsqualität. Die Kaiserstraße ist eine zentrale Achse der Stadt, mit Marktplatz und Pyramide als Fixpunkten. Jetzt, da die Oberfläche freigeräumt ist, sollte man diesen Raum bewusst nutzen. Ich merke selbst, wie ich mich noch daran gewöhnen muss, mitten über die Straße zu gehen, ohne Angst zu haben, überfahren zu werden. An diese neue Freiheit muss man sich erst gewöhnen.
Was kann die Stadt konkret für den Einzelhandel tun?
Joa: Die Einflussmöglichkeiten sind begrenzt, vor allem weil viele Immobilien in privater Hand sind und die Mietpreise nicht von der Stadt festgelegt werden. Hinzu kommt, dass viele traditionsreiche Läden verschwunden sind und große Ketten nachrücken – das ist ein gesamtgesellschaftlicher Trend.
Gibt es auch innovative Ansätze, die Hoffnung machen?
Joa: Ja, ich fand das Konzept der Pop-up-Stores spannend. In anderen Städten – wie Stuttgart – hat man damit gute Erfahrungen gemacht. Junge Kreative bringen frische Ideen und beleben leerstehende Räume. Solche unkonventionellen Wege wären meiner Meinung nach ein erster Schritt. Auch kleine Interventionen im öffentlichen Raum könnten helfen, einfach um zu zeigen: „Hier passiert etwas Neues!“
Und wie sieht es mit den langfristigen Effekten des Stadtbahn-Tunnels aus?
Joa: Das Projekt war teuer und kontrovers diskutiert, aber ich denke, man kann es erst in einigen Jahrzehnten richtig bewerten. Was man jetzt schon sieht: Die Innenstadt ist durchlässiger geworden, neue Flächen werden genutzt, die vorher vernachlässigt waren. Es gibt auch Kritik, etwa die zu geringen Abstände der Haltestellen oder an der Kunst im öffentlichen Raum ohne eigenen Wettbewerb. Aber im Großen und Ganzen ist das Projekt ein wichtiger Schritt gewesen.
Wie erleben Sie die Arbeit der Stadtverwaltung und vor allem des Stadtplanungsamts im Prozess der Stadtentwicklung?
Joa: Es ist oft sehr bürokratisch. Wir haben das selbst erlebt bei der Vorbereitung auf die ArchitekturZeit in der Stadt. Genehmigungen für temporäre Bauten im öffentlichen Raum sind schwer zu bekommen. Hier sollten Prozesse entbürokratisiert werden und die Stadt insgesamt mutiger agieren.
Hat die Architektenkammer eigentlich einen direkten Einfluss auf die Stadtentwicklung?
Joa: Einen direkten Einfluss haben wir nicht – die Kammer ist ein berufsständiges Organ. Allerdings wird der Vorstand von den Mitgliedern gewählt, was uns eine gewisse Legitimation verleiht. Über Arbeitskreise wie „Am Puls“ stehen wir in kontinuierlichem Austausch mit der Stadtpolitik. Wir bringen uns aktiv ein, etwa durch die Mitarbeit in Jurys, Gremien oder durch Positionspapiere zu aktuellen städtebaulichen und architektonischen Fragen. So gelingt es uns, auf die Stadtentwicklung Einfluss zu nehmen – wenn auch auf indirektem Weg.
Wie hat sich die Stadtentwicklung in Karlsruhe in den letzten Jahren insgesamt verändert, auch hinsichtlich des Wohnungsbaus?
Joa: Ich denke, man hat sich professionalisiert. Gerade im Wohnungsbau gab es viele Wettbewerbe und Verfahren wie Mehrfachbeauftragungen. Auch mit der Volkswohnung und den Genossenschaften sind spannende, innovative Projekte entstanden – trotz schwieriger Rahmenbedingungen durch Corona und den Ukraine-Konflikt.
Die Umnutzung und Weiterentwicklung von Bestandsgebäuden zu Wohnraum zählt zu den drängendsten Themen unserer Zeit. Wie groß ist das Potenzial dafür in Karlsruhe?
Joa: Das Potenzial ist enorm. In unserem Büro arbeiten wir seit Jahren an Projekten wie Aufstockungen, Erweiterungen und Umstrukturierungen. Vor allem bei Gebäuden aus den 1960er-Jahren, die in Deutschland einen großen Teil des Bestands ausmachen und nun sanierungsbedürftig sind, lassen sich mit vergleichsweise kleinen Eingriffen zeitgemäße, hochwertige Wohnungen schaffen
Eine abschließende Frage. Wenn Sie 10 Jahren in die Zukunft blicken, was wünschen Sie sich dann für Karlsruhe, was ist Ihre Vision?
Joa: Karlsruhe sollte sich lebendig und dynamisch weiterentwickeln – mit dem, was da ist, das Beste machen. Leerstände und Lücken bieten große Chancen und passen gut zum diesjährigen Motto am Tag der Architektur „Leerstand, Lücken, Potenzial“. Die Stadt soll jung bleiben, offen für Neues, ohne in einem musealen Charakter zu erstarren. Es gibt bereits viele kulturelle Angebote und innovative, international vernetzte Firmen, besonders im IT-Bereich. Die Grünräume in der Stadt und die Nähe zu Frankreich und Luxemburg sind klare Standortvorteile. Ziel ist eine Stadt, die sich ständig neu erfindet und mit frischen Ideen in die Zukunft blickt.