15 Grad Celsius, strahlender Sonnenschein – dabei ist es noch nicht einmal März. Ist das der Klimawandel? Ja und nein. Die Auswirkungen des menschengemachten CO₂-Ausstoßes lassen sich nicht eins zu eins auf das Wetter übertragen. Klimaerwärmung bedeutet nicht einfach weniger Winter- und mehr Sommertage. Die Prozesse sind komplexer. Dennoch verändern sich unsere alltäglichen Wettererfahrungen spürbar: Übergangszeiten werden kürzer, Wetterlagen halten länger an, Starkregenereignisse treten häufiger auf. Hinzu kommt, dass die durchschnittliche Temperaturerhöhung regional sehr unterschiedlich ausfällt – in weiten Teilen Österreichs liegt sie bereits bei 2,5 °C. Was das konkret bedeutet, spüren viele Menschen in Form zunehmender Hitzetage während des Sommers, die zur Belastung werden.
Welche Stadt würde sich unter diesen Voraussetzungen nicht bemühen, öffentliche Räume an die veränderten klimatischen Bedingungen anzupassen? Graz hat seit dem Regierungswechsel 2021 die Klimaanpassung zentraler Stadträume zu einem Schwerpunkt erklärt. Ziel ist es, öffentliche Plätze so zu gestalten, dass sie rund um die Uhr nutzbar bleiben und unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden. Menschen aller Generationen sollen sich im Freien aufhalten und begegnen können.
Am 27. Februar traf man sich zum offiziellen Spatenstich seines Umbaus auf dem Tummelplatz in Graz. Vizebürgermeisterin Judith Schwentner spricht von einem „Start in etwas Neues“. Besonders richtet sie sich an Anwohner:innen und Geschäftsleute am Platz, nicht zuletzt, um die bevorstehenden Belastungen durch die Bauarbeiten einzuordnen. Ab der ersten Märzwoche werden Bagger anrücken, Lärm und Einschränkungen sind unvermeidlich. Ihr Büro habe jedoch stets ein offenes Ohr, versichert sie. Auch in der Bauabwicklung nehme man Rücksicht auf die Wirtschaftstreibenden: Die Arbeiten erfolgen in Etappen, sodass der Platz jederzeit querbar bleibt. Stadtbaudirektor Bertram Werle ergänzt, dass die Fußgängerzone bis in die Seitengassen und in Richtung des Zaha-Hadid-Hauses erweitert werde. Insgesamt sind über 30 neue Bäume vorgesehen, die für eine differenzierte, räumlich wirksame Beschattung von Tummelplatz, Bischofsplatz und angrenzendem Stadtraum sorgen sollen.
Allen Beteiligten ist bewusst, dass hier ein stadträumlich einzigartiger Entwurf gänzlich verschwinden wird. Der Platz, heute ramponiert und kaum mehr erkennbar, wurde „1991 von Alfred Bramberger (Architektur) und Michael Zinganel (Kunst am Bau) gestaltet“ und war „zum Zeitpunkt seiner Entstehung der erste echte, nutzungsoffene Platz in Graz“ (siehe auch >>> SOS Tummelplatz). Mit einem langfristig gedachten Konzept für die Nutzung ging man auf die Metaebene: Eine wechselnde künstlerische Bespielung sollte jährlich aus öffentlichen Geldern finanziert werden. Der Architekt Fabian Wallmüller unterstreicht im GAT-Artikel die baukulturelle Dimension des Ortes noch deutlicher: „Auch heute ist der 1994 mit der GerambRose ausgezeichnete Tummelplatz ein herausragendes Beispiel der Architektur der späten ‚Grazer Schule‘, die damals an der Schwelle zur neu aufkommenden Architekturströmung des Minimalismus stand.“ Zudem erinnerte er daran, dass der Platz als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes „denselben Schutzstatus wie jedes andere historische Bauwerk der Grazer Altstadt“ genieße, ein Status, der Bauten von der Gotik bis ins 21. Jahrhundert umfasst.
Umso schwerer wiegt die Diagnose seines heutigen Zustands. Seit 1994, so muss man feststellen, haben Stadtregierungen und Verwaltungsapparate dem Erhalt des Platzes nicht jene Priorität eingeräumt, die seiner Bedeutung entsprochen hätte. Wallmüller formuliert es pointiert: „Dennoch wurde der Tummelplatz in den letzten Jahrzehnten sukzessive durch die eigenen Ämter und Unternehmen der Stadt Graz heruntergewirtschaftet, wie das völlig entstellte Erscheinungsbild der heutigen Platzoberfläche zeigt.“ Ist ein Bestand jedoch erst einmal dermaßen erbärmlich, folgt häufig der Ruf nach einem grundlegenden Eingriff. Er bietet die Chance, nach Jahrzehnten funktionale wie technische Aktualisierungen vorzunehmen und Erfahrungen aus dem Ist-Zustand auszuwerten. Mit dem erklärten Ziel, den Tummelplatz schattiger zu machen, ihn neu zu bepflanzen und seine Ränder mit unterschiedlich nutzbaren, in die Platzgestaltung integrierten Möblierungen auszustatten, reagiert die Stadt Graz – so die Argumentation – sowohl auf fachliche Analysen als auch auf wiederholte Forderungen aus der Bewohner*innenschaft.
Andreas und Hélène, Geschäftsinhaber:innen am Platz, sehen die einjährige Bauphase zwar als wirtschaftliche Herausforderung, unterstützen das Projekt jedoch ausdrücklich. In mehreren Gesprächen hätten ihnen die verantwortlichen Architekt:innen Wolfgang Timmer und Julia Fröhlich anhand konkreter Pläne erläutert, welche Maßnahmen vor ihren Geschäften vorgesehen sind und was jetzt auf sie zukommt. Andreas war 2023 Mitglied der Wettbewerbsjury und setzt sich als Anrainer seit 15 Jahren für eine Weiterentwicklung des Platzes ein. Der nun zu realisierende Entwurf sei deutlich nutzerfreundlicher und sensibler im Umgang mit dem Stadtraum als andere. Er sieht die Umgestaltung als Gewinn für die Stadtatmosphäre.
Das Büro „konstruktiv – Studio für Architektur“, das den europaweit ausgeschriebenen Wettbewerb gewann, zeigt sich mit dem Planungsprozess zufrieden. Man habe alle wesentlichen Ideen aus dem Wettbewerbsbeitrag in die Ausführung übertragen können, betonen Wolfgang Timmer und Julia Fröhlich. Sie sprechen von einer kooperativen Zielsuche – einer Haltung, die sie als grundlegend für ihre Arbeit verstehen und die sich auch in der Realisierungsphase des zusammenhängenden, klimaangepassten Stadtraums fortsetzen lässt.