Von Graz nach Wien
1922 in Graz als Waltraud Berndl geboren, studiert sie nach ihrer Schulzeit sechs Semester an der Akademie der bildenden Künste in München. 1942 heiratet sie den Architekturstudenten Alf Ketterer; im selben Jahr kommt ihr Sohn zur Welt. 1944 erleidet die junge Familie einen schweren Schicksalsschlag, als Alf Ketterer im Krieg in Frankreich fällt. Traude ist zu diesem Zeitpunkt erst 21 Jahre alt. Mit ihrem kleinen Sohn kehrt sie in der Folge nach Graz zurück und beginnt im November 1945 ihr Architekturstudium an der Technischen Hochschule. Dort lernt Traude den zeitgleich mit ihr ebenfalls Architektur studierenden Wolfgang Windbrechtinger (1922-2011) kennen. Wolfgang ist gerade erst aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden und hat Einsätze in Frankreich und Russland hinter sich.
Beide arbeiten während des Studiums als „wissenschaftliche Hilfskraft“, zuerst bei Professor Rolf Eugen Heger an der Lehrkanzel für Hochbau und Entwerfen, später bei Professor Friedrich Zotter an der Lehrkanzel für Baukunst und Entwerfen. Aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage und der vorherrschenden Wohnungsnot, die besonders in Graz gravierend ist, sind viele Studierende gezwungen, sich ihr Studium durch Nebentätigkeiten zu finanzieren. Nach Studienabschluss bleibt Traude noch bis 1954 an der Technischen Hochschule als Assistentin bei Professor Zotter. 1954 werden Traude und Wolfgang vom Düsseldorfer Architekturbüro Hentrich-Petschnigg angeworben, das in der Nachkriegszeit Anlaufstelle vieler junger Architekturschaffender aus Österreich ist.
1956 folgt das Paar dem Ruf des Architekten Roland Rainer nach Wien, um in seinem Auftrag das Projekt „Böhlerhaus“ am Schillerplatz zu übernehmen. Die freundschaftliche Beziehung zu Roland Rainer beeinflusst maßgeblich die architektonische Haltung der Windbrechtingers. Kennengelernt haben die beiden Rainer bereits während ihrer Studienzeit, als sie den von der Grazer Brauerei Puntigamer ausgeschriebenen Wettbewerb für eine Volks- und Hauptschule gewannen – unter dem Juryvorsitz von Professor Rainer. Traude Ketterer und Wolfgang Windbrechtinger heiraten 1956 und gründen gemeinsam ein Architekturbüro in Wien, das sie bis ins Jahr 1995 führen. Ihre Wiener Schaffenszeit umfasst zahlreiche Meilensteine, darunter ist besonders die Mitbegründung der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) im Jahr 1965 in der Atelierwohnung der Windbrechtingers in der Badhausgasse hervorzuheben.
Architektur als gesellschaftlicher Auftrag
Die Windbrechtingers vertraten eine zutiefst humanistische Architekturauffassung, in deren Zentrum stets der Mensch und seine Lebensqualität standen. Auch selbst betonten sie immer wieder, dass der Sinn ihres Schaffens nicht Repräsentation oder architektonischer Selbstzweck sei. Stattdessen verstanden sie Architektur als verantwortungsvolle Gestaltung von Räumen, die Orientierung geben und soziale Teilhabe ermöglichen. Sie sahen architektonisches Schaffen als einen gesellschaftlichen Auftrag und forderten, dass die Architektur sich an den Bedürfnissen der Gemeinschaft orientieren müsse – nicht an rein wirtschaftlichen Interessen oder individueller Selbstdarstellung. Dazu gehörte auch der Anspruch, Menschen stärker in die Planung ihrer Umwelt einzubeziehen und architektonische Bildung bereits im Kindesalter zu verankern. Ihr Engagement zeigte sich nicht nur in ihren Bauten, sondern auch in zahlreichen sozialen Initiativen, wie etwa im Einsatz für barrierefreies Wohnen oder im Versuch, Kunst und Architektur wieder enger miteinander zu verbinden. Begegnungen mit Künstler:innen wie Maria Biljan-Bilger bestärkten sie in der Überzeugung, dass Architektur und Kunst gemeinsam eine lebenswertere Umwelt schaffen können. Herausragende Ergebnisse dieses Zusammenspiels entstanden beispielweise bei den Bauten Restaurant Bellevue „Am Himmel“ in Döbling (1959-63, 1982 abgerissen) sowie beim Ekazent in Hietzing (1962-64), welches als das erste Einkaufszentrum Österreichs gilt.
Das architektonische Wirken von Traude und Wolfgang Windbrechtinger war nicht nur durch ihr gemeinsam geführtes Büro, sondern vor allem durch ihre geteilten sozialen Überzeugungen und ihr ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein eng miteinander verbunden. Trotz des intensiven fachlichen Austauschs und des gegenseitigen Respekts, die maßgeblich zum Teamverständnis und damit zum beruflichen Erfolg der Windbrechtingers beitrugen, bleibt Traudes Wirken in zeitgenössischen Darstellungen gemeinsamer Projekte vielfach unberücksichtigt oder ihr Name gänzlich unerwähnt. Das Ausblenden weiblicher Beiträge im architektonischen Diskurs reflektiert die gesellschaftlichen Strukturen, in denen die Leistungen von Frauen im beruflichen Umfeld häufig marginalisiert oder nicht dokumentiert wurden.
Von Rollenzuschreibungen und Überzeugungen
Von außen wurde Traude in der ehelichen Arbeitsgemeinschaft oftmals der Part der „flotten Zeichnerin“ und sensiblen Entwerferin zugeschrieben. Wolfgang wurde der Part des Praktikers und Forschers nachgesagt. Bereits Friedrich Achleitner als „der Kenner“ österreichischer Architektur des 20. Jahrhunderts verweist auf die Fragwürdigkeit solcher Etikettierungen im architektonischen Kontext. Traude strebt im Architekturstudium nach persönlicher Entfaltung und sieht darin eine bewusste Entscheidung gegen das „häusliche Leben“. An der Technischen Hochschule Graz findet sie eine inspirierende Atmosphäre vor und fühlt sich dort sehr wohl. Als Frau in einem technischen Studium war sie damals noch eine Ausnahmeerscheinung; ihre Arbeiten werden geschätzt, ihre Zeichnungen ausgestellt. Beim Skizzieren entdeckt sie ihre besondere Freude am Entwerfen und ihre ausgeprägte Liebe zum Detail – eine Haltung, die sie später als Architektin konsequent beibehält.
Hervorzuheben ist im Besonderen Traudes Zurückhaltung und bescheidene Lebensphilosophie. Sie war der Meinung, die Menschen sollten sich selbst nicht überhöhen, aber dennoch unbedingt ernst nehmen. Beruflich war ihr größtes Anliegen, Architektur ohne Kompromisse zu verwirklichen. Gemeinsam mit ihrem Mann führte sie bewusst ein kleines Büro, das nie mehr als sechs Personen umfasste. Beide wollten unabhängig bleiben und sich nicht korrumpieren lassen. Am liebsten arbeiteten sie im Duo, stets ganz nah an der Materie und an den Menschen, für die sie planten. Eine große Leidenschaft hegte Traude für die „anonyme Architektur“, die sie in zahlreichen Skizzen feinsäuberlich dokumentierte. In ihr erkannte sie eine Welt der Wahrheit und Humanität. Ihre Werte seien Allgemeingut und jedem Menschen erreichbar und verständlich. Traude und Wolfgang produzierten kleine Büchlein, in denen mittels Zeichnungen, Bildern und Texten jeweils ein begrenztes Gebiet, so zum Beispiel slowakische Holzbauten, romanische Kirchen im Burgenland oder etwa spezielle Bauthemen wie Vogelnester und Spinnennetze behandelt wurden.
Mit einem umfangreichen Werk zum Symbol der „Wiener Wende“
Einen Schwerpunkt im architektonischen Schaffen der Windbrechtingers bilden die Themenbereiche des sozialen und privaten Wohnbaus sowie Schulen und Kindergärten. Das Werkverzeichnis des Duos reicht bis in die Mitte der 1990er Jahre und besteht aus über 56 Realisierungen, 27 Wettbewerbsbeiträgen, zahlreichen Projekt-Gutachten, ehrenamtlichen Aktionen sowie der Ausstellungstätigkeit im Rahmen der ÖGFA. Ihre stringente Auseinandersetzung mit der jeweiligen Bauaufgabe ließ die Windbrechtingers bereits in ihrer frühen Schaffenszeit richtungsweisende Projekte realisieren. Das Volksheim im steirischen Kapfenberg (1957-58, Erweiterung 1970-73) erzielte eine beachtliche Wirkung weit über die Grenzen Österreichs hinaus und wurde im US-amerikanischen Architekturführer „The new architecture of Europe“ (1962) von George E. Kidder Smith vorgestellt.
Im sozialen Wohnbau stellte das Reihenhaus und seine Verbindung ökonomischer Vorteile mit den Qualitäten eines Einfamilienhauses die ideale Bebauungsform für die Windbrechtingers dar. Von den Siedlungen der späten 1950er Jahre, wie den Werkswohnungen in der Ortschaft Böhlerwerk oder in Kapfenberg, die sie gemeinsam mit Ferdinand Schuster realisierten, bis zu den Reihenhausanlagen der 1980er Jahre entwickelten sie dieses Thema kontinuierlich weiter. Ein anhaltendes Betätigungsfeld stellte außerdem die Stadterneuerung und Altstadterhaltung dar, zu erwähnen ist insbesondere die Gestaltung der Wiener Kärntnerstraße in Zusammenarbeit mit Wilhelm Holzbauer. Für ihr gemeinsames Werk erhielten Traude und Wolfgang Windbrechtinger viele Preise und Auszeichnungen, darunter den Österreichischen Staatspreis für Architektur im Jahr 1963 für das Ausflugsrestaurant Bellevue, 1968 den Preis der Stadt Wien für Architektur, 1975 den Preis für vorbildliches Bauen des Landes Niederösterreich sowie das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst im Jahr 2001. Traude Windbrechtinger starb 2017 im 95. Lebensjahr in Wien.