03/02/2026

Es gibt Ausdrucksformen des menschlichen Handelns, die sich nur schwer ausstellen und noch schwerer außerhalb ihrer selbst darstellen lassen – dazu gehört auch die Architektur. Wie Film, Tanz und Mode ist sie in sich selbstgenügsam auf eine Weise, die nur sehr eingeschränkt in andere Medien übersetzt werden kann. Dass sie sich selbst genügt, heißt in diesem Fall auch, dass ihr nichts anderes Genüge tun kann. Wie stellt man Film dar außer durch Film? In diesem Sinne handelt etwa das Österreichische Filmmuseum mit seinem „Unsichtbaren Kino“ konsequent: Es zeigt Filme – keine Kostüme, keine Standbilder, keine archäologischen Relikte von Dreharbeiten. Immer wieder wird solches andernorts versucht, doch es will nicht gelingen.

03/02/2026

TAT.2 - Zelle, Thomas Edlinger, Fritz Ostermayer und Kathi Seidler von FM4 Im Sumpf richten ihr Studio ein

In der Architektur ist es nicht anders. Überzeugend sind in der Regel Ausstellungen, welche selbst räumlich intelligent entworfen sind und erfahrbare Räume herstellen. Am besten aber sind freilich jene, die unmittelbar in die gebaute Umwelt eingreifen, wie internationale Bauausstellungen, die in Österreich allerdings eine überschaubare Tradition haben. Ansonsten bleibt der Vermittlung von Architektur nur der Umweg ihrer Übersetzung.

Noch die besten Möglichkeiten, um insbesondere den gesellschaftlichen Gebrauch von Architektur darzustellen, scheint der Film zu bieten – mehr als die Zeichnung, das Modell oder die Fotografie. Bewegte Bilder sollten sich eigentlich bestens eignen, das wiederzugeben, was diesen laut Corbusier ausmacht: "Die Architektur wird `durchwandert, durchschritten`. […] Ausgestattet mit seinen zwei Augen […] geht unser Mensch, bewegt er sich vorwärts, handelt, geht seiner Beschäftigung nach und registriert auf seinen Wegen zugleich alle nacheinander auftauchenden architektonischen Manifestationen und ihre Einzelheiten."[1] Und doch sind viele Filme über Architektur nicht selten langatmig, weil sie sich die Übersetzung in das andere Medium ersparen. Längst hat sich – häufig verbunden mit dem Namen Heinz Emigholz – die Eigenart etabliert, die Filmkamera wie einen Fotoapparat zu benutzen. Die dem Film eigene Illusion wird auf ein stehendes Bild reduziert, während die der Architektur eigene Bewegung und Kommunikation von Menschen konsequent ausgeblendet wird. Gedreht wird am liebsten abseits der Öffnungszeiten.

Selbst wenn man einwenden mag, dass in Zeiten medialer Überlastung schnelle Schnitte und rasante Kamerafahrten die Reizüberflutung nur noch verstärken, erscheint bei der Darstellung der gebauten Lebenswelt ein Absehen von Dynamik fatal. Denn Architektur ist die Bewegung von Dingen und Menschen zur Schließung und Erschließung von Räumen.

„Die Frage wie man einen Raum durchquert, ist eine der allerfilmischsten Fragestellungen“[2], so Michael Loebenstein, Direktor des Österreichischen Filmmuseums. Das Gespräch mit Loebenstein fand in der alten Wirtschaftsuniversität in Wien statt. Dort arbeiten wir als Mitglieder der Arbeitsgruppe TAT. seit einigen Monaten an der zunehmenden sozialräumlichen Verdichtung einer kleinen Bürozelle. Begleitet wird diese durch den Versuch einer filmischen Übersetzung der Herstellung von Architektur.

Durch seine ungewöhnlichen Proportionen und eine simple Konstruktion hat sich das schmale, aber hohe Zimmer für eine solche Herangehensweise angeboten. Seine Wände bestehen aus Gipskartonpaneelen, die durch Abschrauben der Klemmleisten abgenommen werden können. Das ermöglicht es, den Raum aus seinem eigenen Material Zug um Zug und vor allem schnell und einfach weiterzubauen. Um dies zu tun werden Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen eingeladen. Für den Weiterbau steht jedem der Gäste eines der ausgelösten Wandpaneele zur Verfügung, das an Querhölzern frei im Raum neu positioniert werden kann. Ein wesentlicher Teil des Gesprächs ist die Einrichtung dieses Wandteils. Je mehr Menschen nacheinander den Raum beziehen, umso dichter wird das bauliche Gefüge.

Loebenstein war einer der ersten geladenen Gäste. Während er sich architektonisch im Raum einrichtet, schildert er ein zentrales Kapitel der Dokumentation „Le dinosaure et le bébé“ von Andrè Labarthe, in dem Jean-Luc Godard und Fritz Lang darüber diskutieren, wie eine Sequenz inszeniert sein sollte, in der eine Person eine Tür öffnet, einen Raum betritt und ihn durchquert. „Godard [behauptet] das improvisiere man größtenteils und dann macht man [irgendwann] einen Gegenschnitt und Lang hört ihm zu, wird immer ungeduldiger und sagt, […] so kann man überhaupt nicht arbeiten. Geben Sie mir den Grundriss. Und er zeichnet die Kamerapositionen ein, zeichnet ein, wie sich der Charakter bewegen wird, wo ein Gegenschnitt ist. [Lang] hat die komplette Dècoupage im Kopf, wie die Sequenz einen neuen Raum zusammensetzt und bei [Godard] geht es um die Disruption von all dem.“[3]

Will man Architektur gerecht werden, muss man sie also an sich als ein komplexes System betrachten. Dieses besteht nicht nur aus Gebäuden und Räumen, sondern aus dem Anschluss von Operationen des Bauens und des Wohnens. Während etwa der Akt des Öffnens oder Schließens einer Tür oft selbst im Alltag fast unbewusst stattfindet, wird dieser im Film, beim Schreiben des Drehbuchs, bei den Dreharbeiten und schlussendlich auf der Leinwand immer wieder von neuem entworfen. Welche Form hat die Tür, wie wird sie geöffnet, was befindet sich dahinter und welche Dynamik entsteht zwischen zwei Figuren, je nachdem ob die Tür sanft geöffnet oder zugeschlagen wird. Nicht selten erfährt man aus intelligenten Spielfilmen mehr darüber, wie Architektur auf unser Zusammenleben wirkt und wie wir durch sie miteinander kommunizieren, als aus durchschnittlichen Dokumentationen.

Eine filmische Auseinandersetzung mit Architektur sollte sich ohnehin nicht bloß auf fertige Gebäude beschränken. Vielmehr sollte sie abseits von sprechenden Köpfen und auratischen Standbildern versuchen, den ständigen Anschluss von Bauen an Wohnen vorzustellen und die zwischenmenschlichen Verschiebungen, die er erzeugt. Nur solange Menschen sich durch Architektur bewegen und Gebrauch von ihr machen zeigt sich, was sie tut. Sonst ist sie im Leben tot und langweilt auf der Leinwand.
 


[1] Le Corbusier, An die Studenten. Die „Charte d`Athènes“, Reinbek Verlag (Hamburg, 1962), S.29

[2] Michael Loebenstein im Gespräch mit TAT., in: TAT.2 – Zelle: Übers Fenster oder durch die Tür, Folge 3, 2026

https://www.instagram.com/reels/DTdUvCkDAwE/

[3] Michael Loebenstein im Gespräch mit TAT., in: TAT.2 – Zelle, Übers Fenster oder durch die Tür, Folge 3, 2026

https://www.instagram.com/reels/DTdUvCkDAwE/

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