10/07/2026

Wie architektonische Strukturen mit nur minimaler Intervention einen Teil der Gesellschaft zur Transformation anregen können, zeigt eine jüngst in München realisierte Installation.

10/07/2026

Das Reallabor im Straßengefüge

©: Julian Mändl

Der wohnzimmerartige Innenraum folgt bewusst keiner festen Programmierung

©: Julian Mändl

Über zwei Monate hinweg eröffnen sich neue Blickbezüge in das Franzosenviertel

©: Julian Mändl

Der Prototyp kontrastiert die umgebende Gründerzeitarchitektur

©: Julian Mändl

Im Münchner Stadtteil Haidhausen wird mit dem Reallabor ZuHaus – Quartierzimmer für Haidhausen derzeit die Frage untersucht, welche räumlichen Ressourcen in hochverdichteten Stadtquartieren künftig gemeinschaftlich organisiert werden können. Die temporäre Holzkonstruktion im Grätzl Franzosenviertel, das wohl aufgrund der sozialen Struktur der Bewohnerschaft (urban orientierte, gut ausgebildete junge Familien) am besten mit jenen im siebten Wiener Gemeindebezirk vergleichbar ist, basiert auf der Idee und der Forschungsarbeit des Architekten Clemens Hoyer. Im Rahmen seiner Dissertation „Vom generischen zum spezifischen Raum. Das Nachverdichtungspotenzial von Parkraum in dichten, städtischen Quartieren am Beispiel des Franzosenviertels in Haidhausen“ an der TU Darmstadt setzt er sich mit den Transformationspotenzialen des ruhenden Verkehrs auseinander. Ausgangspunkt des Projekts ist die Annahme, dass Straßenräume weit mehr sein können als reine Verkehrsinfrastruktur. Hoyer versteht sie als vorhandene Ressource, deren räumliche und soziale Qualitäten durch eine zeitlich begrenzte Intervention untersucht werden. Die Architektur fungiert dabei nicht als autonomes Objekt, sondern als räumliches Medium einer forschenden Praxis, das neue Formen der Aneignung und Nutzung unter Alltagsbedingungen sichtbar macht.

Das Quartierzimmer ist als offener Begegnungsort auf Stelzen über Fahrradstellplätzen konzipiert, dessen Nutzung bewusst keiner festen Programmierung unterliegt. Über ein Buchungssystem kann die Struktur von Bewohner:innen für Gespräche, kulturelle Formate, gemeinsames Arbeiten oder informelle Zusammenkünfte genutzt werden. Begleitende Workshops, Diskussionen und wissenschaftliche Erhebungen erweitern die räumliche Intervention um eine forschende Ebene. Im Mittelpunkt steht die Frage, inwiefern gemeinschaftlich organisierte Räume Funktionen des Zusammenlebens übernehmen können, die bislang ausschließlich dem privaten Wohnraum zugeschrieben werden, und welche Auswirkungen dies auf das soziale Gefüge eines Quartiers haben kann. Der öffentliche Raum wird dabei nicht als Ergänzung, sondern als potenzielle Erweiterung des alltäglichen Wohnens verstanden.

Eben gerade in diesem Anspruch offenbart sich die Streitbarkeit des Projekts. München zählt seit Jahren zu den Städten mit den höchsten Miet- und Grundstückspreisen Europas, wodurch Wohnraum zunehmend knapper und im Schnitt pro Person kleiner wird. Die Idee gemeinschaftlich nutzbarer Räume kann unter diesen Bedingungen als innovativer Beitrag zur Diskussion um urbane Lebensqualität gelesen werden, verweist jedoch zugleich auf die strukturellen Defizite des Wohnungsmarktes. Das Reallabor macht deutlich, welche räumlichen Potenziale im Bestand vorhanden sind, vermag jedoch die Ursachen steigender Mieten, zunehmender Flächenkonkurrenz oder sozialer Verdrängung und Obdachlosigkeit nicht zu lösen. Die Umnutzung von Parkraum eröffnet allerdings neue Perspektiven auf den öffentlichen Raum, ersetzt aber keine wohnungs- und sozialpolitischen Strategien zur Sicherung leistbaren Wohnens. Damit bewegt sich das Projekt im Spannungsfeld zwischen experimenteller Stadtforschung und den Grenzen architektonischer Interventionen innerhalb ökonomischer und politischer Rahmenbedingungen. Die Reaktionen der Haidhauser Bewohner:innen vor Ort fallen zwiegespalten aus. Die pinkfarbene Intervention polarisiert stark und ruft sowohl positive als auch negative und ratlose Stellungnahmen hervor. Dabei lässt sich anhand des Alters der befragten Personen keine eindeutige Tendenz hinsichtlich ihrer Positionierung zur Bewertung des Projekts feststellen.

Auch in Graz wurden vergleichbare Fragestellungen in der Vergangenheit und Gegenwart vielfach diskutiert und umgesetzt, wenngleich sie dort weniger über singuläre bauliche Interventionen als vielmehr über langfristig angelegte Beteiligungsprozesse und urbane Reallabore bearbeitet wurden und werden. Eine zentrale Rolle übernimmt dabei das StadtLABOR Graz, welches seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Forschung, Planung und Zivilgesellschaft arbeitet und räumliche Transformation als gemeinschaftlichen Aushandlungsprozess versteht. Kürzlich vergangene Projekte wie das Leiner Living Lab – „Ein Tag für die Annenstraße“ (8. Mai 2026) nutzten temporäre Aneignungen und Zwischennutzungen als Instrumente, um Entwicklungspotenziale sichtbar zu machen, und transformierten das ehemalige Leiner-Haus in einen offenen Dialog- und Experimentierraum. Ebenso verfolgt die Begrünung der Belgiergasse (seit März bis Oktober 2026) einen integrativen Ansatz, bei dem räumliche Aufwertung und nachbarschaftliches Engagement bewusst miteinander verknüpft werden. Von besonderer Bedeutung ist jedoch das Büro der Nachbarschaften, das sich seit 2015 an verschiedenen Standorten als dauerhafte soziale Infrastruktur etablieren konnte. Mit seinem Standort am Griesplatz 22 schafft es einen konsumfreien Ort für Begegnung, Beratung und gemeinschaftliche Aktivitäten und stärkt damit die Vernetzung zwischen Bewohnenden, lokalen Initiativen und Verwaltung. Als „offener Treffpunkt im Stadtteil, der Menschen zusammenbringt, Ideen wachsen lässt und nachbarschaftliches Miteinander stärkt“, können Menschen nicht nur während der Präsenzzeiten des Teams (Di. 17-19 Uhr & Do. 10-12 Uhr) zusammenkommen und den kühlen Raum nutzen.

Ein weiteres aktuelles Beispiel für die Aushandlung öffentlicher Räume in Graz stellt der Stadtbalkon an der Mur dar. Als konsumfreier Aufenthaltsort sollte er einen niedrigschwelligen Treffpunkt schaffen und den Zugang zum Flussraum jenseits kommerzieller Nutzungslogiken ermöglichen. Die kontroverse Diskussion um die tatsächliche Aneignung zeigt jedoch eine zentrale Herausforderung zeitgenössischer Stadtentwicklung: Öffentliche Räume entstehen nicht allein durch ihre bauliche Gestaltung, sondern entfalten ihre Qualität erst durch die Bereitschaft der Bürger:innen, sie anzunehmen, zu nutzen und mit sozialem Leben zu füllen. Öffentliche Räume sind also immer nur so gut, wie die Gesellschaft gewillt ist, diese auch zu nutzen. Den Grund für die nicht wunschgemäße Benützung des Stadtbalkons allein auf die Konsumfreiheit des Raums zurückzuführen, wie einige Presseportale vor Kurzem polemisch titelten, greift also zu kurz. Wie sich der Ort künftig weiterentwickeln wird, bleibt offen. Eine Umwandlung des konsumfreien Raums in einen konsumgebundenen Aufenthaltsort würde jedoch dem ursprünglichen Anspruch einer offenen und niederschwelligen Nutzung widersprechen. Zielführender als die Ersetzung des einen durch das andere erscheint vielmehr ein ausgewogenes Verhältnis beider Nutzungsformen, das unterschiedliche Formen der Aneignung ermöglicht und den Raum für eine vielfältige Stadtgesellschaft zugänglich hält.

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