Im besten Sinn strukturalistisch angelegt ist die jeweils detaillierte Darstellung – und nicht allein Erläuterung von Entwürfen und Bauten – vielmehr von Lebensumständen seit der Kindheit des Künstlerarchitekten Günther Domenig (1934 - 2012), Porträts seiner offiziellen Büropartner und seiner Mitarbeiter beziehungsweise Kommentaren von Beamt:innen, Baumeister:innen, Sammler:innen und Kritiker:innen. Auch wenn Herausgeber Michael Zinganel einleitet, das „Wort ‘Wir’ existierte im Sprachgebrauch Günther Domenigs nicht“, war er keine solitäre Erscheinung, wofür zunächst die Büropartnerschaften stehen: mit Eilfried Huth von 1965 bis 1975 in Graz und München, mit Hermann Eisenköck und Herfried Peyker von 1998 bis 2006 und mit Gerhard Wallner von 2003 bis 2012 in Graz. In der Zeit von 1974 bis 1998 unterhielt Domenig Architekturbüros in Klagenfurt, Graz und Wien.
Bewusst, schreibt Michael Zinganel im werkerfassenden Vorwort, sei die vorliegende Publikation „KEINE Hagiografie des Stararchitekten“. Vielmehr wird gegenüber der Dokumentation maßgeblicher Projekte – und schon auf der Titelseite des Bandes – die Arbeit einer Vielzahl von Mitarbeiter:innen hervorgehoben, inklusive immer wieder eingetretener „Kollateralschäden“, geschuldet offensichtlich dem sich fallweise ambivalent äußernden Charakter Domenigs, oft konziliant, dann wieder in beinharter Opposition.
Abgesehen von Michael Zinganels eigenen Erfahrungen als Mitarbeiter Domenigs – nach Entwurf eines Hauses für Domenigs Schwägerin, Überarbeitung der Entwürfe für das Funder Werk II und Projektleitung kam es zum Bruch, weil Zinganel eine künstlerische Intervention an der Fassade verweigerte – war da freilich die Bürogemeinschaft mit Eilfried Huth aus der früh die Katholische Pädagogische Akademie (Gruppe Huth, darin auch Fritz Lorenz, 1964–1969) hervorging. Detailliert und immer wieder die Frage nach Einflüssen und Umständen der Realisierung behandelnd, führt die Darstellung über Projekte wie Stadt Ragnitz, VOEST Alpine Leoben, trigon 67, Kirche Oberwart, Olympia-Schwimmhalle München, Erweiterung Universität Wien oder den Mehrzwecksaal der Schulschwestern in Eggenberg bis die Entwurfs- und Baugeschichte des Steinhauses. Nach Auflösung der Bürogemeinschaft mit Eilfried Huth 1975 – im Band nach dessen Erzählung – sind auch einigermaßen skurril anmutende Episoden angeführt. Huth sei im Grazer Büro am Sparkassenplatz „in die Rumpelkammer gezogen“, eine Trennwand wurde eingezogen und die Mitarbeiter konnten entscheiden, für wen sie arbeiten wollten. Alle gingen zu Huth und Domenig rekrutierte Studierende aus den Zeichensälen. Volker Giencke, damals schon Projektleiter für den Mehrzwecksaal der Schulschwestern, war in der Folge „wichtigster – oft auch einziger – Mitarbeiter“ in Domenigs Wiener Büro während der Realisierung der Z-Sparkasse in Favoriten und des Wettbewerbs um den Ballhausplatz. Und wieder kam es zu inhaltlichen Differenzen zwischen dem strukturalistischen Zugang Gienckes und Domenigs „opulentem künstlerischen Kraftakt“. 1982 trennte man sich nach Fertigstellung der gemeinsam geplanten Schiffswerft in Klagenfurt.
Freilich sind so gut wie alle realisierten respektive als Konzept verbliebenen Projekte Domenigs und Beteiligter aufgeführt – ein besonderer Fall die Kirche St. Martin in Klagenfurt, 1962–1963 –, sind in Modellen, Plänen und Stellungnahmen ausgebreitet. Großer Raum wird auch Domenigs Lehrtätigkeit gegeben, den Exkursionen (u.a. zu seinen eigenen Bauten) und Workshops, an denen (nur) ausgewählte Studierende teilnehmen durften sowie seiner Politik der Gastvorlesungen und deren Organisation durch Mitarbeiter:innen am Institut für Gebäudelehre und Wohnbau der TU Graz. Ebenso Auszüge aus der Sammlung von Dias zu Architektur und bildender Kunst (angelegt bis 1989 von Laszlo Pap), die in den Vorlesungen gezeigt wurden. Diesbezüglich führt Michael Zinganel aus, dass die späteren „immer seltener werdenden Vorlesungen“ deutlich von „Angriffen auf die Institution Universität oder Abrechnung mit den Gegnern seiner Architekturauffassung, die er überall vermutete“ geprägt waren. Die Hörsäle aber „waren voll – und die scharfe Polemik blieb allen Anwesenden in Erinnerung“.
Schließlich die schon romanartige Geschichte um das Steinhaus, das ab 1982 am Ossiacher See errichtet wurde und dessen Fertigstellung, nach einer Art Übereinkunft, mit 2008 angegeben wird. Darin, so Zinganel, „fand Domenigs architektonische Formensprache unzweifelhaft ihren höchsten Grad an Komplexität“. Der Interpretation als Opus Magnum entgegnet der Autor aber. Er ist vielmehr der Ansicht, es handelte sich um einen „isolierten Sonderfall“ in der Werkgeschichte, nachdem sich der Architekt „ausnahmsweise“ um keine Anforderungen seitens Auftraggebern kümmern musste: „Das Steinhaus ist das einzige gebaute Projekt, das ausschließlich auf einer von Domenig selbst erfundenen Genese basiert, die sich weit mehr als bei allen anderen Projekten im Genius Loci des Grundstücks, in der umgebenden Landschaft und seiner Familiengeschichte begründet.“ Um Zinganel hier zu widersprechen: Gerade deshalb wäre doch die Bezeichnung Gesamt-Bau-Kunstwerk angebracht.