Seit 2022 erweitert der in Wien lebende Michael Kienzer eine Werkserie unter dem Titel Melted into the surroundings. Überwiegend handelt es sich dabei um Assemblagen von gefundenen Objekten beziehungsweise „Überbleibseln aus dem Atelier“ (Kienzer), die nun als Plastiken wie aus dem Boden zu wachsen scheinen. Das Modell eines Flugzeugträgers etwa trägt anstelle des Kommandoturms eine kleine Plastikkirche, oder eine alte Nähmaschine ist kombiniert mit gerahmter Volkskunst. In der Kunsthalle Graz besteht die mit Vol. 13 bezeichnete Plastik der Serie aus dem Spielzeugmodell einer LKW-Zugmaschine, die auf dem Boden steht und ein Band von Aluminiumträgern hinter sich herzieht, das an seinem vertikalen Ende wie aus der Wand des Ausstellungsraums gezogen erscheint – zugleich verschmolzen in sich und in die Umgebung.
Mit der Ausstellung Living in a Bubble präsentiert die Kunsthalle Graz Skulpturen, Fotografie und Malerei von Künstlerinnen und Künstlern, die sich im Grunde mit Selbstreferenz von Information befassen, wenn in den Blasen der Sozialen Medien etwa zu erfahren ist, was User zu wissen glauben, was zirkuliert und aus unerfindlichen Gründen die Wirklichkeit von Usern bestimmt. Kunstwerke als Sinnbilder solcher Wahrnehmungen, die „sich wechselseitig bestärken oder verunsichern“, wie es auf der Website der Kunsthalle Graz als Intention der Schau formuliert ist.
Mit einem aus den Sozialen Medien hervorgegangenen Mythos befasst sich hier die Grazerin Mona März in Ölmalerei auf Holztafeln und reagiert mit „alter“ physischer Technik auf ein virtuelles Phänomen. Die verschachtelten und in sich gespiegelten Bilder von leeren Räumen heißen Backrooms (Hinterzimmer) und nehmen Bezug auf einen anonymen User, der 2019 über eine Social-Media-Plattform um „beunruhigende Bilder von leeren Räumen“ anfragte. Daraus entwickelte sich die vielfach geteilte Meinung, solche Räume bestünden – irgendwo, irgendwie im kryptischen Cyberspace.
Das Medium täuscht in den Fotografien von Elena Laaha. Durch Unschärfen, lange Belichtungen, gerichtetem Licht und Hell/Dunkel erinnern die Aufnahmen sichtlich an die Malerei des Barock und die Stillleben der Niederländer.
In seinen fotografischen Untersuchungen dagegen ist Heiko Kienleitner mit körperlich menschlicher Wahrnehmung gegenüber der digital fotografischen Vermittlung eigentlich alltäglicher Motive befasst. Ausschnitte der realen Situation – Geäst vor Geländer – Farbe, Kontrast, Schärfe und Licht führen in die Konstruktion des unwirklich wirklichen Bildes.
Fotografische Effekte bewirkt Renate Krammer mit neuen Arbeiten um ihr Generalthema der horizontalen Linie. Reliefs aus dicht angeordneten, gerissenen Papierbahnen in kontrastiertem Blau irritieren die Wahrnehmung von Fläche und Raum.
Bei Anneliese Schrenk ist Haut zentrales Thema und Material. Der Bildträger „Ausstoßhaut“ (nicht entsprechendes Material bei der Lederverarbeitung) wird – fotografischer Effekt – von Sonne belichtet und dem Regen ausgesetzt.
Klaus Wankers Bilder – oder Plastiken? – der Serie Aftermath tragen den Titel warscene und „handeln“ von künstlicher Natur beziehungsweise dem Moment, ab dem infolge technischer Umformungen natürliche Prozesse beendet sein könnten. Er malt mit Bitumen (destilliertes Erdöl) auf Gesso (Bindemittel aus Gips, Kreide und Pigment).
Im Prägedruck, weiß auf weiß und kaum sichtbar, ist auf einer Tafel von Josef Fürpaß zu lesen: „die vermeintlich weiße fläche unserer unschuld ist geprägt und gelöchert von den bewußten und verdrängten ignoranzen unserer wahrnehmung“. Eine Sentenz des Künstler-Autors, die wohl gleichermaßen die Absichten der Ausstellung beschreibt wie eine philosophisch konstruktivistische Haltung gegenüber der Wirklichkeit (– von Kunst?). Der Titel des Werkblocks NADA meint das spanische Nichts, ist aber auch die Kurzform des russischen Namens Nadežda, die Hoffnung.