09/06/2026

Der Wolkenschaufler publiziert jeden Monat einmal auf gat.news seine Gedanken zu fast allem, vornehmlich aber zu dem, was mit Kunst, Kultur und Gelegenheiten zu tun hat.

09/06/2026

Ausstellungsansicht, No matter what it is, but it matters what it could be 
Foto: Wenzel Mraček

Maybe BMW, 2023, Stahl, Kunstfell 
Foto: Wenzel Mraček

O.T., 2025, Aluminium, Scheinwerfer 
Foto: Wenzel Mraček

Motorcycle Frame, 2023, Stahl, Kunsthaar 
Foto: Wenzel Mraček

„Was es ist“, könnte man den Ausstellungstitel übersetzen, „spielt keine Rolle. Wichtig aber ist, was es sein könnte“. So könnte es sich ursprünglich etwa um ein Karosserieteil des Exemplars einer Automarke aus Bayern handeln (Maybe BMW, 2023), dem der Bildhauer ein Stück Kunststoff-Fell appliziert hat. Das Objekt mutet nun an wie vielleicht das Präparat eines Hammerhais mit Fell.

Der 1965 in Schladming geborene Künstler Roland Reiter lebt in Wien, wo er an der Universität für angewandte Kunst unterrichtet. Er ist Fotograf, Maler und Grafiker, Schlagzeuger der Band M185 und Bildhauer. Kuratiert von Roman Grabner ist nun im Studio der Neuen Galerie Graz ein kompakter Querschnitt plastischer Werke der vergangenen drei Jahre zu sehen, in denen Fragmente von Industrieprodukten mit disparaten Materialien überformt sind – jetzt autonome Skulpturen, deren Substanz durchwegs aus Zusammenhängen mit Design, Vertrieb, Symbolisierung, wenn nicht Fetischismus um das Fahr-Zeugs (sic.) entstammen.

Roland Reiter sucht nach Karosserieteilen, schneidet, schweißt, schleift, malt und lackiert, poliert und fügt künstliche Haarteile an die so entstandene Skulptur, die nun ihrem ursprünglichen Kontext einerseits entfremdet ist, die gleichwohl, und oft über den Titel ironisch, an die Herkunft des Stücks erinnert. Golf (2026) etwa lässt nach seiner Form an die Bewegung beim Abschlag des Spiels denken, während Teile des Objekts von der bearbeiteten Karosserie des gleichnamigen Modells stammen. Dem jetzt kaum mehr als solchen zu identifizierenden Motorcycle Frame (2023) ist scheinbar ein (künstlicher) Haarschopf gewachsen. An ein vom Künstler erfundenes Wesen lassen solche Gebilde denken, wenn nicht an eine Art Fetisch[1] aus einer ehemaligen „Beziehung“ zwischen Fahrer:in und, eben, -Zeugs stammend.

„Die Demontage startet das Narrativ“, beschreibt Roland Reiter seine Intentionen, nach denen er das Original abstrahiert und ihm, wie in Erweiterung eines Readymades, anderen Sinn gibt. Oder wie Kurator Roman Grabner formuliert: „Das Industrielle trifft auf das Organische, das Technoide auf das Tierische und das Künstliche auf das Natürliche.“

Den von ihm bemalten Oberflächen, zerknautscht, aber glänzend poliert, setzt Reiter jeweils ein ironisches Moment um Statussymbole und Bling-Bling auf. Am „lautesten“ vielleicht gelang ihm das 2020 mit einem Objekt unter dem Titel Twins – nicht anders zu begreifen als ein Konter gegenüber dem oberflächlichen Schönheitsverständnis der Dilettanten (d.h. Liebhaber). Präsentiert damals im Wiener Museumsquartier, sind zwei goldfarben verspiegelte Lamborghini-Karosserien an ihren Bodenplatten miteinander verschweißt. Künstliches Haar lässt an Lebendes denken und die Zwillinge scheinen über einer Plattform zu schweben. Als Automobil nun unbrauchbar, dagegen durch Witz und Arbeit (oder Fleiß und Industrie, nach H. C. Artmann) sublimiert als Kunstwerk. 
 


[1] „Fetisch“: „ […] stammt von dem portugiesischen Feitiço (»Zauber«) her, das vom lateinischen facticius (»künstlich gemacht«) abzuleiten ist [… man] versteht demnach unter F. diejenige Form der Religion, welche annimmt, daß Gottheiten in gewissen materiellen Gegenständen eingekörpert leben können, und diese deswegen anbetet.“ Mayers Konversations-Lexikon, sechster Band, 1889, S. 195.

 

 


Ausstellung:

Roland Reiter. No matter what it is, but it matters what it could be. Bis 6. September 2026 im Studio der Neuen Galerie, Joanneumsviertel Graz.

 

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