Im Folgenden werde ich mich in die Nesseln begeben und mich dort hinsetzen. Vom Fußball nämlich habe ich keine Ahnung, gehöre vielmehr der Neigungsgruppe Eishockey an, konkret der Sektion um den KAC. Verursacht wurde diese Anhänglichkeit während meiner Schulzeit, als man mich in Klagenfurt zum schlechtesten Elektrotechniker der Welt ausgebildet hat, mir nach positivem Matura-Abschluss auch nahegelegt hat, „bitte!“ einen solcherart gleichwohl erlernten Beruf „besser nie!“ auszuüben. Nicht zuletzt ist der Umgang mit elektrischem Strom mit erheblichen Gefahren verbunden. Die Angst vor dem Strom kompensierte ich damals in den Eishallen Klagenfurts und Villachs, immer wenn der KAC zum Match antrat.
Es folgte einiges in Graz, die Angst vor dem Strom und die Neigung zum KAC aber sind geblieben. Und wenn man durch Strom körperlichen Schaden nehmen könnte, mache ich mich seither als Schreiber im schlimmsten Fall unbeliebt.
Aber zum Zustand, dem Stadium. Ich erinnere mich, einst gehört zu haben: „Gehst‘ heut‘ Stadium?“ Oder anders: Eine Kollegin hatte mir, nachdem sie sich For Forest 2019 im Wörthersee Stadion angesehen hatte, erzählt, es gäbe dort zur Bewerbung der Kunst-Installation Schals zu kaufen. „Aber die haben darauf Stadium statt Stadion geschrieben.“ Später, bei meinem Besuch, fand ich den besagten Schal. Die Aufschrift war in Englisch gehalten, also korrekt, Stadium. Was bei uns „Zustand“ bedeutet ist englisch „condition“, während Kondition auch bei uns einen Zustand bezeichnet. Der Grund für meinen bisher einzigen Besuch des Wörthersee Stadions, möchte ich damit sagen, war nicht der Fußball, sondern das dort für einige Monate eingerichtete Kunstwerk, ein künstlicher Wald des Schweizers Klaus Littmann. Ich war also wirklich, in dafür erforderlicher Kondition, in diesem Stadion.
Ich war auch einmal im Stadion Liebenau – und zwar des Fußball wegen und das, weil ich ehemaliger Seefahrer sozusagen schanghait worden war. Mirnichtsdirnichts standen vor Jahren Emil Gruber und ich nachmittags auf dem Grazer Hauptplatz. Tritt aus der Menge Martin Behr auf uns zu und sagt: „Ich habe Karten für euch, wir fahren jetzt mit der Straßenbahn ins Stadion!“ „Was spielt’s?“, wagte ich noch und Martin: „Sturm gegen Altach!“
Ich trug ein langärmeliges rotes über einem schwarzen T-Shirt. Geistesgegenwärtig wechselte ich gerade noch vor Eintritt die Farben: Das schwarze jetzt über dem roten und die vorstehenden roten Ärmel nach oben gerollt, damit niemand auf abwegige Gedanken komme. Auf den Rängen neben Emil sitzend noch meine Frage: „Wo ist Altach zuhause?“ Emil: „Vorarlberg“.
Ich glaube, das Spiel endete 1:1. Ich weiß, es hat mich nicht interessiert. Aber eine Erkenntnis ist mir von damals geblieben. In einem solchen Fußballstadion fällt es viel leichter, dem Verlauf des Fußballspiels en détail zu folgen als in einer Eishalle dem Verlauf eines Eishockeyspiels en détail. Wahrscheinlich ist Fußball, entsprechend meiner Erkenntnis, sogar viel einfacher zu spielen als Eishockey. Ich sitze gerade tief in den Nesseln und es brennt schon ein bisschen.
Jedenfalls war ich wirklich, in dafür erforderlicher Kondition, in diesem Stadion. (Das tut jetzt nicht wirklich etwas zur Sache, will nur meinen Zustand explizieren, deshalb muss ich hier in Klammern ausführen, was wie eine Fußnote gelesen werden mag. Ich war auch mehrmals in der Grazer Eishalle. Vor langer Zeit bei einem Konzert von Frank Zappa, The Yellow Shark, das ich der Akustik halber noch vor dem Finale verlassen musste. Entweder, so mein Empfinden, steckte mein Kopf in einer Gießkanne oder Zappas Orchester spielte aus solcher heraus. Später, und eine Woche lang, wohnte ich beinahe in der Eishalle, nämlich als geheuerter Roady für Walt Disney’s World on Ice. In den vergangenen Jahren dann zweimal zu Eishockey, das der Rekordmeister KAC gegen die 99ers jeweils verlor.)
Und jetzt, spätestens seit der GAK wieder in der ersten Liga spielt, sich zu Graz also zwei Vereine der 1. Fußball-Bundesliga um den (!) Ort ihrer Heimspiele matchen, kam die Idee auf (man denke an das platonische Ideal: Ontōs on ist das wirklich Seiende, nämlich die Idee gegenüber dem Ding, das nur ihr Abbild sein kann), ein Stadion auf einer grünen Wiese zu errichten.
Um den Status quo steht’s nun so: Schon im vergangenen Herbst hatte die Grazer Stadtregierung beschlossen, dass ein zweites Stadion – vor allem aus Kostengründen – nicht gebaut wird. Dagegen wurde aber eine Machbarkeitsstudie um den Ausbau der Merkur-Arena in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse auf der Website der Stadt zusammengefasst sind. Hier noch kürzer: Derzeit 15.000 Sitzplätze sollen nach dem Umbau auf 20.000 erweitert sein, inklusive Stehplätzen könnte das Stadion dann 25.000 BesucherInnen fassen. (Vergleichsweise bestehen im Wörthersee Stadion 30.000 Sitzplätze.) Unter anderem soll das Spielfeld um 1,5 Meter abgesenkt werden, nach oben und unten weitere Sitzreihen eingebaut werden. Die errechneten Gesamtkosten für den Umbau sind mit 150 Mio. Euro ausgewiesen. Für Oktober wird der Planungsbeschluss im Gemeinderat angestrebt. Aktuell wird die Bauzeit auf 18 Monate geschätzt.
Während der Bauarbeiten allerdings kann hier kein Fußball gespielt werden und da wird wohl wieder Klagenfurt ins Spiel kommen. Ein Problemchen besteht allerdings, worüber die Stadt auf ihrer Website keine Auskunft gibt und wir wechseln dazu nach LAOLA1.at. Nach Besuch einer UEFA-Delegation im Juni wurde die derzeitige Kondition des Stadions für Spiele der Champions League „für untauglich erklärt“. Ob sich das nach einem Umbau ändern kann, wissen wir nicht.
Aber am Ende des Tunnels ist Licht – oder, wie der Schriftsteller Albert Pall in selbem Sinn formuliert, „am Ende des Lichts kommt noch ein Tunnel“. Nachdem infolge des Betriebs der Koralmbahn ab 14. Dezember „die Regionen“ ohnehin „zusammenwachsen“ werden, Fans mit Geschwindigkeitsspitzen von 250 km/h durch einen 32,9 km langen Tunnel brettern können und damit ab Graz binnen 45 Minuten nach Klagenfurt gelangen sollten, müsste, meiner schlichten Logik folgend, eine Anreise ins Klagenfurter Stadion nicht unbedingt länger dauern als von irgendwoher ins Liebenauer Stadion. Der Spielbetrieb während Bauarbeiten wie „Spiele der Königsklasse“ (LAOLA1.at) währen doch … es ist wirklich unangenehm, in diesen Nesseln zu sitzen. Bleibt noch die Frage um die Sentimental Journey (vgl. Laurence Sterne, Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien. Von Mr. Yorick. Berlin 2010 (1769)). Wie wird ein Heimspiel Sturms empfunden, wenn es in Klagenfurt ausgetragen wird?
Chapeau, Kick!
Erbauliche Betrachtung, Herr Mraček.
Des Öfteren Ihre Gedanken zur gebauten Umwelt teilen?
Da, wo sich Kunst, Architektur und Mainstream (in diesem Falle der Sport) begegnen.