11/11/2025

Nichts gesehen also, habe ich vom steirischen herbst 2025, wie ich schon im ersten Teil dieser Geschichte eingestehen musste. Stattdessen erinnere ich mich an Ereignisse und Erlebnisse während lang vergangener steirischer herbste und an mir diesbezüglich aus vertrauenswürdigen Quellen Zugetragenes.

11/11/2025

La Fura dels Baus, Ankündigung Steirischer Herbst 1991 (Screenshot, bearbeitet https://lafura.com/obras/noun)

La Fura dels Baus, Noun (Screenshot, bearbeitet https://archiv.steirischerherbst.at/de/projects/1899/noun)

LP-Label, La Fura dels Baus, Noun, 
Foto: Mraček

LP-Label, La Fura dels Baus, Noun, 
Foto: Mraček

Damals, und wie immer einer im Schutz des anderen, drängte mich der verhinderte Barpianist Peti zum Besuch einer dramatischen Aufführung in einer Halle am Medienturm, dem vormaligen Wasserturm im Areal des Grazer Schlachthofs. Ich wollte da nicht hin, erinnere ich mich, aber der Barpianist bestand darauf.

Den Autor Max Gad kannte ich persönlich noch nicht und der Titel des Stücks, dachte ich bis vor kurzem, sei Iocaste. So nämlich trügt die Erinnerung, sie ist lückenhaft und schickt mir solitäre Bilder, die ich jetzt mithilfe des Online-Archivs[1] in einen Zusammenhang bringe. Die Medienszenographische Anordnung von Max Gad und Orhan Kipcak heißt aber (nicht „hieß“, weil geschrieben ist geschrieben und steht für immer, sagte mir der Autor später einmal) Die falsche Geschichte und wurde im herbst 2003 uraufgeführt. Meines Wissens kam es zu keinen weiteren Inszenierungen andernorts, und bisher dachte ich, das sei so zu Mitte der 90er geschehen.

Seinerzeit stand ich zunächst einigermaßen unaufgelegt vor dem Entrée. Dann setzte der Monolog der Mutter des Ödipus (Tessa Gasser) ein, die die Prophezeiung und das Schicksal ihres Buben beklagt, der blöderweise zugleich ihr Gatte ist (Helmut Eberhard in stummer Rolle), und sie lamentiert damit ihr eigenes Verhängnis. Ich war in Ehrfurcht ergriffen und fragte mich, wie schafft es ein Autor, so zu denken. Iocaste lehnt sich gegen die Verurteilung der Götter auf, die sie erschufen und vernichten wollen. Nach Max Gads Interpretation sind die Götter die Medien, die erfinden und zerstören. In der Inszenierung saßen als diese Orhan Kipcak und Kollegen auf einer Galerie über Publikum und Skené vor blau leuchtenden Computerbildschirmen und steuerten Videoprojektionen zur antiken Mythologie. Jahre später, als ich Mathias Grilj (1954 - 2020), der sich als Dramatiker Max Gad genannt hatte, erzählte, wie beeindruckt ich war, fragte der nur: „Echt?“

Die falsche Geschichte fällt mir seither immer wieder als Iocaste ein. Wie auch immer zu bewerkstelligen, möchte ich das Stück wieder aufgeführt sehen. Vor wenigen Tagen wollte ich die ausgestellten 789 Tagebücher aus dem Nachlass von Mathias Grilj im Fanz-Nabl-Institut beaugapfeln. Naja, ein Teil des Konvoluts war in verschlossener Glasvitrine zu sehen. Wieder erinnerte ich mich an die Iocaste und unbedarft fragte ich den Bibliothekar.

„Nein, nein, bitte nicht solchen Aufwand“, versuchte ich ihn abzuhalten. Er aber, freundlichst hilfsbereit und selbst interessiert, machte sich an eine „Aushebung“[2] im Archiv. Zurück kam der Bibliothekar mit einem dicken Ordner, auf dem IOCASTE geschrieben stand. Wir blätterten darin etwa eine halbe Stunde lang, fanden Konzepte, mehrfach vervielfältigte Textfragmente mit immer anderen handschriftlichen Anmerkungen, aber keinen vollständigen Text des Dramas. Ich werde den Bibliothekar ein andermal um Die falsche Geschichte bemühen. Dann vielleicht …

Zum Verständnis eines von mir in seinen Auswirkungen wahrgenommenen „Projekts“ im steirischen herbst 1990 bedarf es wieder einer Vorerzählung.[3] „An irgendeinem Abend“ heißt es bei Jauk & Unterweger, „Ende 1984 oder Anfang 1985 äußerte Wolfgang Bauer gegenüber Mathias Grilj und Bernd Fischerauer in der Grazer Likörstube Haring die Idee, eine Art ‘Künstlermafia’ […] zu gründen.“ Die Intelligenzia respektive (männliche) Künstler, um es hier nochmals anzumerken, befleißigten sich damals noch der härteren, knapp am Witz vorbeischrammenden und nicht immer nur verbalen Pranke.[4] Begeben hat es sich zwar nicht in der Haring, wie es dem Mythos eigentlich angemessener wäre, sondern im Steirerhof, hat Grilj bald darauf korrigiert. Dem „Gottesgeschenk“, so Grilj, einer aus Künstlern bestehenden Loge, steuerte er die Parole „Keiner hilft keinem“ bei. Nach Joseph Conrads Roman Lord Jim, angeblich ab 1883 im Raffles Hotel, Singapur, verfasst, fand Wolfgang Bauer den Namen Lord Jim Loge. Martin Kippenberger und Albert Oehlen „kritzelten“ eine Sonne und einen Hammer auf ein Papier, Bauer zeichnete der Sonne noch einen Busen auf. Der ebenfalls anwesende Jörg Schlick setzte das so gefundene Logo tags darauf auf ein Plakat zur Ankündigung einer Gemeinschaftsausstellung in der Galerie Bleich-Rossi, undsoweiter. Seither[5] wusste außer den Gründern, weil geheim, niemand, ob er Mitglied des Geheimbundes war oder nicht. Niki Lauda, so die Fama, sei es sicher gewesen.

Zum steirischen herbst 1990 reichte Jörg Schlick ein „Projekt“ mit dem Titel Konzil der Lord Jim Loge in Singapur ein. Ein Vertrag wurde ausgefertigt und unterzeichnet. 13 Freunde wollten „mit der besten Fluglinie nach Singapur“ reisen, um dort für drei Tage im Raffles Hotel zu wohnen. 1991 sollte eine Dokumentation Dank an den österreichischen Steuerzahler erscheinen. Auf Unterwegers Frage[6] in Nachbetrachtung, was denn die 13 Freude künstlerisch in Singapur entwickeln wollten, antwortete Grilj stoisch: „Mit schönen Frauen Geld verhauen.“

Bevor es noch zur Umsetzung des „Projekts“ kam, entwickelte sich allerdings ein medialer Sturm, vergleichbar jenem, der zur Havarie des Schiffs in Conrads Lord Jim führteHerbst-Kapitän Horst Gerhard Haberl sah sich gezwungen, den bestehenden Vertrag aufzulösen. In Reaktion auf die konzeptuell künstlerische Provokation der beabsichtigten Singapur-Fahrt kam es auch zum tätlichen Angriff auf Logen-Mitglieder im Forum Stadtpark am 4. Oktober 1990 durch einen „Verführte[n] der Medienkampagne“[7].

Die Jahre vergingen, das „Projekt“ blieb in Erinnerung. Da war dann die 1993 gegründete Künstlergruppe ARTOPHOBIA, die die Proponenten der Lord Jim Loge 1994 auf einen Abend nach Singapur einlud, um das „Projekt“ gewissermaßen doch noch zur Ausführung zu bringen. In ein Restaurant nämlich wurde geladen und „weil es in Graz kein Asia-Restaurant Singapur gab, zum Gelage in’s Hongkong“ (Arnold Reinisch, Gründungsmitglied ARTOPHOBIA). Auf der (Speise-)Karte liegt Honkong ja nur handbreit entfernt von Singapur. Es war ein „bezaubernder Nachmittag“ mit „schönen Gesprächen“ zu dem sich neben anderen Wolfgang Bauer, Mathias Grilj, Marin Petko und Jörg Schlick einfanden. Weil Kunstaktion, wurde das Treffen im Film[8] festgehalten und ich erinnere mich an eine Unterhaltung zwischen Petko und Bauer. Der Maler unterbreitet dem Schriftsteller „du, i hob a Idee. Wir machen jetzt eine Bank auf. Ich leg‘ zwei Arbeiten als Kapital ein, dann haben wir schon eine halbe Million …“ – Schillinge damals. Bauer unterbricht, deutet auf die Kamera und sagt, „geh, sog des in’s Fernsehen!“

Ich wollte ja von meinen Erlebnissen im steirischen herbst vor langer Zeit erzählen. Vielleicht kommt’s jetzt auch bald dazu. Ich bemühe mich jedenfalls, wenngleich Chronologie praktisch unmöglich ist.

Als „Maschinentheater-Mega-Event“ war 1992 eine Vorstellung der Survival Research Laboratories (SRL) am Grazer Arland-Gelände angekündigt. Es gereichte nur zu einer einzigen Aufführung am 24. Oktober, danach war alles kaputt. In einer Arena – das Publikum war durch Zäune geschützt – agierten Maschinen gegeneinander. In einem Film[9] über die Veranstaltung in Graz ist im Vorspann zu lesen, dass die 1978 in San Francisco gegründete Gruppe zu America Nowhere (herbst-Titel) mit 22 Leuten und 47 Tonnen Ausrüstung angekommen sei. Großteils wurden die Akteure – ausschließlich Maschinen – vor Ort gebaut, und zwar wie es heißt, in der „aufgelassenen ‘Flaumy’ Toilettenpapier-Fabrik“, der 1990 still gelegten Arland-Papierfabrik, an deren Stelle heute die Siedlung steht. Angesichts des Jugoslawienkriegs hatte man ein Motiv für die Aufführung gefunden: „Die absichtliche Entwicklung eines Kriegsgebiets: eine Parabel über spontane strukturelle Degeneration“. Zynisch fanden wir das damals schon. Wenn auch „Parabel“ hielten wir es für unangemessen, so ein Spektakel, in dem es kracht und die Fetzen fliegen, in einen gewollt konstruierten Zusammenhang mit einem realen, fürchterlichen Krieg zu stellen. Explosionen, erzählte man mir, waren bis in die innere Stadt zu hören und wir fürchteten uns angesichts des Maschinendramas während dem sich alles Material gegenseitig zerstörte.

Schließlich an den Anfang aller Dinge. Der alte Hesiod (700 v. Chr.) erzählt vom Erscheinen der Urgottheiten. Eine davon war Chaos, aus der Kosmos, Leben und wir entstanden seien. Mit einer Paraphrase auf den Schöpfungsmythos trat die katalanische Theatergruppe La Fura dels Baus 1991 (herbst-Motto: ENTDECKENVERDECKEN) an. Der Titel der Produktion war NOUN, von dem wir seither nicht wissen, was er bedeutet[10]. Ebenso der Name der Theatergruppe. Dem verhinderten Barpianisten fiel damals die Übersetzung „Der Zorn des Bacchus“ ein. Neueste Erkenntnisse lassen eher „Das Frettchen von Els Baus“ vermuten, was zu deren Anfängen mit Straßentheater passen würde. Baus wäre demnach das Dialektwort für Abgrund. Aber sei’s d’drum.

Für die Vorstellungen in der Wagner-Biro-Werkhalle IX, dort wo heute neben der List-Halle Blöcke mit Mikrowohnungen inklusive Depot-Containern stehen, wurde empfohlen, wasserfeste Kleidung zu tragen. Die ganze Halle war Bühne, in der sich das Publikum nach Belieben – nach Mut – aufhielt. An den Deckenkränen fuhr eine Art schwebender Demiurg durch den „Himmel“ und steuerte anscheinend das Geschehen. Aus riesigen, mit Wasser gefüllten Blasen stürzten wie geborene Darsteller:innen auf den Boden und das Wasser schwappte auf die zurückweichenden Zuseher:innen. Die mussten zugleich immer aufpassen, nicht von mehreren durchs Publikum rasender Streitwagen angefahren zu werden. Das waren Go-Carts, jeweils ein Fahrer unten und ein Krieger auf einer über ihm befindlichen Plattform. Währenddessen nahm die „Schöpfung“ an anderer Stelle ihren Lauf, mit Darsteller:innen, die in etwas wie Kopulationsmaschinen eingespannt waren. Woher die ohrenbetäubende Musik, schärfster Flamenco-Punk, kam, sahen wir anfangs nicht. Dann schwebten Musiker auf fahrbaren Plattformen aus allen Winkeln der Halle ins Zentrum und zeigten sich als Band.

Seltsam. Der verhinderte Barpianist ist für mich gerade nicht erreichbar und ich frage im Freundeskreis, ob sich jemand an das hier Erzählte erinnert. Mit mir waren Hunderte Menschen bei den Veranstaltungen, aber bisher keiner der von mir gefragten. Bilde ich mir das alles nur ein?


 


[2] Sollten Sie, aus welchen Gründen auch immer, an einer „Aushebung“ interessiert sein, kann ich ehrlich empfehlen, das Fanz-Nabl-Institut zu konsultieren. Eine derart zuvorkommende wie unkompliziert formlose „Aushebung“ von Archivalien habe ich bis dato nicht erlebt.

[3] Zu Folgendem: Mathias Grilj ließ mir vor vielleicht zehn Jahren die Abschrift eines Interviews zukommen, das Andreas Unterweger mit ihm führte. Darin ging es um die Gründung der Lord Jim Loge und um das hier erzählte „Projekt“. Das Dokument liegt irgendwo im Silizium meines Computers und spielt Silentium. Will heißen, ich finde es nicht und muss mich an In memoriam Mathias Grilj: Mythos Lord JimLoge von Daniela Jauk und Andreas Unterweger (https://andreasunterweger.wordpress.com/2020/09/21/in-memoriam-mathias-grilj-mythos-lord-jim-loge/#_ftn4) halten, das im Buch Sexy Mythos. Selbst- und Fremdbilder von Künstler/innen erschienen ist. (Hg. v. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e. V. Berlin und Verein Forum Stadtpark Graz in Zusammenarbeit mit Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig: Berlin: 2006)

[4] Inhaltlich vielleicht solcher Haltung konternd wirkt ein Plakat des Grazer Grafikdesigners und Medienkünstlers Karl Neubacher aus dem Jahr 1972 nach einer Fotografie von Hans Georg Tropper. Zu sehen ist darauf Neubacher wie ein Boxer in Angriffshaltung. In Fotomontage ist es anstelle aber der Fäuste – links, rechts – jeweils der eigene Kopf, den Neubacher hier einsetzt.

[5] Kurz vor seinem Tod 2005 hatte Jörg Schlick alle Marken- und Nutzungsrechte der Lord Jim Loge an die Wiener Künstlergruppe monochrom verkauft. https://www.monochrom.at/coke-light-art-bottles

[6] Erinnere ich mich an den Inhalt des in meinem Archiv verschollenen Dokuments, s.o.

[8] Zu sehen am 19. November 2025 in der Kunsthalle Graz: Ein Filmabend aus artophobischen Archiven. https://kunsthallegraz.at

[10] Mag sein, der Titel verweist auf einen ägyptischen Himmelsgott Nun.

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