26/08/2025

Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Europa und der Sowjetunion fanden zahlreiche gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Umbrüche und Umstrukturierungen statt – von der totalen Hegemonie des Kapitalismus über den Überwachungsstaat bis hin zur gesellschaftlichen „Spaltung“ während der Coronapandemie. Der größte Einschnitt findet jedoch in unseren Hosentaschen statt: das Mobiltelefon, das uns die globale Vernetzung verspricht, sorgt letztendlich für die Entkoppelung aus einem gemeinsamen gesellschaftlichen Diskurs. 

26/08/2025

ohne Titel, 2025

©: Severin Hirsch

Als 1989 der Kommunismus in Europa und in weiterer Folge 1991 in der Sowjetunion durch die weise und feinfühlige Voraussicht Michail Gorbatschows zu fallen begann und zuvor schon Schlagworte wie Glasnost oder Perestrojka in den Wortschatz der (politisch) westlichen Hemisphäre gelangten, machte es den Anschein, dass sich die Welt in eine bessere Richtung bewegte und zu stärkerer Einheit und Einigung (wie auch Deutschland 1990) gelangte. Die Stimmung war euphorisch, die Schäden und Schädigungen durch die beiden Weltkriege schienen langsam restauriert und wiedergutgemacht werden zu können, das Horrorszenario einer nuklearen Apokalypse schien abgewendet zu sein und selbst die Verfechter:innen postmoderner Theorien und Anhänger:innen der 68-er Kulturrevolution hatten Hoffnung, dass durch die vermeintliche Auflösung des Oppositionssystems Kommunismus-Kapitalismus auch ihrer Forderung nach einer Entideologisierung der Sprache und damit einhergehend des Denkens nachgekommen werden könnte. Das Ende der ideologischen Manipulation und die Weiterführung eines Projekts namens „Aufklärung“ konnten nun vorangetrieben werden. Doch der Schein dieser friedlichen Zusammenführung der Welt trog. Während dieser Phase der Renationalisierung der ehemaligen „Ostblockstaaten“ entflammte gleichzeitig im Herzen Europas unter starker äußerlicher Ein- und Mitwirkung ein Feuer, das 1991/92 im Jugoslawienkrieg kulminierte und dem realsozialistischen Staat ein jähes Ende bereitete. Begleitet wurde dieser Krieg von einer innerstaatlichen und vor allem westlichen Propagandamaschinerie, deren Kriegsberichtserstattung sich als in einem noch nie zuvor dagewesenen Ausmaß einseitig erwies. In dieser Zeit entfachte auch eine Art „neuer“ Nationalismus, der sich – als anfängliche Identitätsfindung neuer und in die Freiheit entlassener Staaten abgetan – rasch über den Erdball ausbreitete. Die neu erlangte Hegemonie des Kapitalismus bedingte auch eine Nationalstaatlichkeit, die sich vom Anderen, vom Fremden distanzierte. Neue Polaritäten und Oppositionssysteme traten hervor, weil Identität immer eines Außerhalb, eines Anderen bedarf, um sich abgrenzen zu können.

Der Zerfall der UdSSR, der Zusammenbruch des Kommunismus in Europa und der Sowjetunion war ein Einschnitt, ein Bruch im Denken, den kaum wer für möglich gehalten hätte und jede/r hatte den Eindruck, Zeug:in eines weltpolitischen Ereignisses geworden zu sein, das die Welt für zukünftige Generationen nachhaltig prägen würde. Doch dem Kalten Krieg folgten weitere Einschnitte, Kriege, Kämpfe und Entwicklungen, die gravierender waren als die Ereignisse der 90-er Jahre und stärkeren Einfluss auf die Gesellschaft und die heutige Welt hatten. Die geopolitischen Verschiebungen auf der Landkarte waren bedeutsam für die Menschen und die nationale Selbstbestimmung in den betroffenen Ländern, in gewissem Maße auch für die Europäische Union, der sie sich anschließen wollten und die wiederum glücklich über Partnerschaften war, in die sie Produktionen verlagern konnte, um billiger zu produzieren und im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig bleiben zu können. Mit Humanismus hat das wenig zu tun. Die EU war immer und ist nach wie vor in erster Linie ein Wirtschaftsbündnis, dessen politische Ausrichtung stets in Verbindung zu den Eigeninteressen steht. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

Weltpolitisch und gesellschaftlich einschneidender als der Zerfall des Kommunismus waren aber die Ereignisse des 11. September 2001 und der darauf folgende Patriot Act, der den Strafverfolgungsbehörden ohne Nennung von Gründen erlaubte, die bürgerlichen Freiheiten in Form von Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung und des Austausches von Daten einzuschränken, um dem „Terrorismus“ den Krieg zu erklären. Seither stellt wohl jeder Mensch eine Gefahr dar und darf potenziell als Terrorist:in gelten (entgegengesetzten Falls können die gesammelten Daten auch anderweitig Verwendung finden) – ein tiefer Einschnitt in die Privatsphäre des Menschen und eine Vereinfachung der Kriegsführung – ohne Kriegserklärung und unter dem Namen/Vorwand „Kampf gegen den Terrorismus“ andere Länder zu invadieren. Nach der Wirtschafts- und Bankenkrise 2008, die unter anderem Griechenland in den Bankrott trieb und eine weitere Stärkung von Großkonzernen am Weltmarkt zur Folge hatte, kam im März 2020 schließlich der nächste große Einschnitt in der Gesellschaft. Die Corona-Pandemie brachte nicht nur den globalen Ausnahmezustand mit sich, der es nicht nur erlaubte – wie im Kriegszustand – Gesetze außer Kraft zu setzen und verstärkte Überwachungsmaßnahmen der Bevölkerung in Kraft treten zu lassen, eine weitere Folge waren zudem Isolation und die oftmals zitierte „Spaltung“ der Gesellschaft. Von den anfangs divergierenden wissenschaftlichen Meinungen zum Umgang mit der Pandemie gewann schließlich eine – die vermutlich den Ordnungsmächten naheliegendste und entgegenkommendste – die Oberhand, andere Stimmen wurden mundtot gemacht oder schafften es zumindest nicht in die Medien. Seither scheint es, dass auch bezüglich anderer Krisen – beispielsweise dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine oder dem Nahostkonflikt bzw. dem israelischen Genozid – eine Gleichschaltung der Medien stattfindet. Kaum wo lassen sich noch kritische oder überparteiliche Berichterstattungen oder Kommentare finden: entweder steht man auf der einen oder der anderen Seite. Dazwischen ist Niemandsland, ein Raum für all jene Unwissenden, die keine Meinung oder Position haben. Und wer kann sich das schon leisten, im Zeitalter des Medien- und Informationszugangs per Knopfdruck oder Mausklick keine Meinung zu haben oder keine Position zu beziehen? Das wird sogleich mit Unwissen oder Uninformiertheit gleichgesetzt und als Schwäche ausgelegt. Früher musste man sich eben durch alle möglichen Drucksorten durcharbeiten, um möglichst vielschichtige und abweichende Informationen zu sammeln, aus denen man sich dann eine Meinung bilden konnte – früher, als die Darstellungen zu einem Thema in einem Land oder innerhalb einer Interessensgruppe noch durchaus widersprüchlich sein konnten. Früher…

Im analogen Zeitalter konnten wir uns nur vernetzen, indem wir hinausgingen und kommunizierten. Nicht jede/r wusste über alles Bescheid, der Zugang zu Wissen oder Information bestand auch durch orale Weitergabe – fast schon wie ein Mythos. Wenn wir an einer Bar auf andere oder bei der Haltestelle auf den Bus oder die Straßenbahn warteten, wenn wir mit dem Zug gefahren sind, wenn wir fremd in einer Stadt, einem Land waren, haben wir als Fremde mit Fremden geredet, uns unterhalten, Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen kennengelernt und sie gemocht oder auch nicht. Heute sehe ich einen Großteil der Menschen jede unbeschäftigte Sekunde ins Mobiltelefon starren, beim Autofahren, beim Gehen, beim Warten. Keiner will mehr kommunizieren, sondern sich über Neuigkeiten aus der eigenen Community informieren – Gated Communities wohin man sieht, alle gefangen in ihren Blasen mitsamt ihrem selektiven Wissen, ihren vorselektierten Freundschaften, ihren vorgefertigten Standpunkten, ihren Vorurteilen anderen gegenüber, alle leben mit ihren Teilwahrheiten und missverstehen, dass nur eine mit allen geteilte Wahrheit überhaupt erst einen Wahrheitsanspruch stellen kann. Wir tauschen Sicherheit gegen Freiheit, Einfalt gegen Vielfalt, Identität gegen Diversität, Gruppeninteressen gegen gesellschaftliche Relevanz, auch wenn wir wissen, dass gegenwärtige und zukünftige Krisen nur gemeinsam bewältigt werden können. Und das ist der wirklich tiefe Einschnitt, der in den letzten drei Jahrzehnten erfolgt ist.   

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