25/11/2025

„Wenn du weißt, daß hier eine Hand ist, so geben wir dir alles übrige zu. […] Daß es mir – oder Allen – so scheint, daraus folgt nicht, daß es so ist.“ (Ludwig Wittgenstein, Über Gewissheit. Frankfurt am Main 1979. S. 9. Im Original hervorgehoben.)

25/11/2025
i´m too sexy for my cat
©: severin hirsch, 2025

Es darf ja ruhig einmal persönlicher sein. Also, Hand aufs Herz: Bei wie vielen Wahlen haben Sie sich aufgrund strategischer Entscheidungen oder persönlicher Sympathien für eine Partei entschieden, ohne mit 100-prozentiger Überzeugung ihr Kreuz gesetzt zu haben? Oder anders gefragt: Sind Sie jemals bei einer Wahl mit 100-prozentiger Sicherheit, mit voller Gewissheit hinter Ihrer Entscheidung gestanden? Ganz generell stehen wir ja täglich vor unzähligen Entscheidungen, müssen eine Wahl treffen, um nicht vor Entscheidungen stehen zu bleiben, ob vor der Haustür bei der Wahl des Transportmittels oder dem Kühlregal im Supermarkt bei der Wahl des Joghurts, bis hin zu den Entscheidungen das eigene Leben oder das der Familie betreffend, bezüglich Berufswahl, Ortswahl, Schulwahl usw. Wir alle haben persönliche oder politische Überzeugungen und Ansichten, die die Basis unserer Entscheidungsfindungen bilden, manchmal entscheiden wir uns durch gründliches Abwägen, manchmal – und das nicht nur, wenn der Magen knurrt – aus dem Bauch heraus. Aber gibt es so was wie Gewissheit, unumstößliche Sicherheit?

Am 21. November 1995 wurde das Abkommen von Dayton unter Führung von Bill Clinton paraphiert (und am 14. Dezember von den damaligen exjugoslawischen Teilpräsidenten in Paris unterzeichnet), um dem Krieg in Bosnien und Herzegowina nach dreieinhalb Jahren ein Ende zu setzen. Viele politische Expert:innen und Balkankenner:innen vertreten bis heute die Ansicht, dass ein politisch und wirtschaftlich stabiler Balkan der Schlüssel zu einer gesamteuropäischen Friedensgarantie ist. Gewiss, es gibt keine Gewissheit und keine Garantien, zumindest aber gibt es Wahrscheinlichkeiten und Abwägen zwischen geringeren Übeln. Wir stehen vor der Wahl oder: nach der Wahl ist vor der Wahl. 30 Jahre nach der Implementierung des Dayton-Abkommens gab es gestern in der bosnischen Republika Srpska eine vorgezogene Präsidentschaftsneuwahl, die notwendig wurde, weil der bisherige Präsident Milorad Dodik aufgrund separatistischer Tendenzen und Korruptionsvorwürfen per Gerichtsbeschluss seines Amtes (eigentlich sämtlicher Ämter) enthoben wurde. Dodik, enger Vertrauter des ebenso umstrittenen serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić, prägte die letzten 30 Jahre – sehr zum Unmut der Hohen Repräsentanten, die zur Gewährleistung des Friedens gemäß Dayton-Abkommens Kontrollrechte über die Regierenden haben sollten – die Politik Bosniens setzte sich über Beschlüsse hinweg und versuchte die Unabhängigkeit der serbischen Republik voranzutreiben. Die Nähe zu Putin und Lobbyarbeit in den USA, um seine Position zu stärken und dem Amtsenthebungsverfahren vorzubeugen, waren seiner internationalen Reputation nicht sonderlich erträglich, halfen ihm aber auf nationaler Ebene, seine Beliebtheit zu konsolidieren. Seinem Nachfolger in der „Allianz der unabhängigen Sozialdemokraten“ (SNSD), der Dodik – trotz Enthebung aller politischer Ämter für sechs Jahre – bis heute vorsteht, Siniša Karan, gelang im serbischen Teil Bosnien-Herzegowinas mit knappem Sieg die Weiterführung der separatistisch-nationalistischen Politik Dodiks. Die Ziele seines Gegners Branko Blanuša von der Serbischen Demokratischen Partei (SDS) durch Vorgehen gegen die Korruptions- und Vetternwirtschaft Dodiks und Reformen innerhalb der Republik für mehr Sicherheit, Stabilität und Transparenz im Sinne des Dayton-Abkommens zu sorgen, waren der Bevölkerung dann scheinbar doch zu vage oder gewagt. Die Zukunft scheint gewisser, wenn wir auf Altbewährtes und Vertrautes, auf verfassungsuntergrabende Ideologien, Korruption und Nepotismus setzen und die Augen vor dem Neuen, Fremden, Anderen, Andersartigen – vor der Zukunft im eigentlichen Sinne als Ankunft, als Advent– verschließen. Wir fürchten die Zukunft, das Unbekannte und wählen in der Gegenwart lieber die Vergangenheit, wie viel Not und Elend sie auch über uns gebracht hat. Das kennen wir wenigstens, die Vergangenheit ist gewiss – und noch lange nicht zu Ende.

Unter Epoché versteht die antike Philosophie der Skepsis, durch die Pyrrhoneer (Pyrrhon von Elis, 4./3. Jhdt. v. Chr.) zur philosophischen Instanz erhoben, die Enthaltung oder Zurückhaltung einer Meinung, eines Urteils. Worüber keine Gewissheit erlangt werden kann, darüber sollten wir auch kein Urteil fällen. Im pyrrhonischen Sinne bedeutet Skepsis demnach auch kein Zweifeln oder gar ein methodischer Zweifel wie bei Descartes, der über diesen zu gesicherten Erkenntnissen zu gelangen trachtete, sondern die gründliche und grundlegende Betrachtung, Prüfung und Untersuchung einer Sache oder eines Sachverhalts. Die antiken Skeptiker waren Kundige, die sich auf nichts – außer die Skepsis selbst – festzulegen und nichts zu verteidigen vermochten. Die Epoché als Enthaltung, als Zurückhaltung leitet eine neue Epóche (ein Anhalten, einen Haltepunkt), einen neuen Zeitabschnitt ein – in Form von neuen Diskursen, neuen Methoden (der Untersuchung), neuen Praktiken (der Überprüfung), weil sie zugleich von Urteilenden unerschütterliche, eindeutige Beweise für Geäußertes verlangt. Die Kundigen zwingen die vermeintlich Wissenden, transparente, nachvollziehbare, unwiderlegbare Informationen und stichhaltige Beweise zu liefern. Absolute Gewissheit kann es nicht geben, dem würde auch Wittgenstein zustimmen. Aber wir müssen ein Mindestmaß an Gewissheit als zumindest vorübergehend gegeben annehmen, ansonsten ist eine Orientierung in Raum und Zeit oder innerhalb des Sprachsystems unmöglich. Auch die radikalsten Skeptiker:innen bedürfen des Vehikels der Sprache als Form der Gewissheit, um ihre Skepsis transportieren zu können. Absolute Gewissheit bringt nur der Tod, der Tod ist die absolute Gewissheit. Doch der Tod ist das Außerhalb des Lebens, die uneingeschränkte Gegenwart und kann deshalb keine Gewissheit im Leben und in der Reflexion geben. „6.431 Wie auch beim Tod die Welt sich nicht ändert, sondern aufhört. 6.4311 Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt. Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.“ (Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus. Werkausgabe Band 1. Frankfurt am Main 1997. S.  84.)

Wir müssen also nur genauer hinsehen, die Perspektiven wechseln, um die Details, das große Ganze, die Zusammenhänge, die vermeintlichen Wahrheiten besser erkennen zu können. Wer Hass sät, wird/will Krieg ernten. Die Gefolgschaft der uninformierten Uniformierten wird in den Tod geschickt. Auch das ist eine Form von ökonomischer Berechnung, während wir das Denken, das Erwägen, das Bewerten und Auswerten, das Formen und Ausformulieren den künstlichen Intelligenzen überlassen, auf dass sie unsere Plätze einnehmen, während wir in den Krieg ziehen. Wir lassen Maschinen für uns denken und arbeiten, weil es bequem ist und bedenken dabei nicht die Konsequenzen. Wir arbeiten an unserer eigenen Ersetzbarkeit, weil wir der künstlichen Intelligenz eines vorauszuhaben glauben: Wir geben Befehle ein und führen Befehle aus, wir nehmen einen Platz ein, auch wenn das nur bedeutet, die Stellung zu halten. Das Internet ist voll von künstlicher Intelligenz, Medienberichte, Zusammenfassungen, Überblicke, Inhalte werden generiert und von uns als Information konsumiert, weiter durch die KI faschiert, wiedergekäut und erneut ausgeschieden. Irgendwann wird das dann zu einer Gewissheit, gegenüber der wir skeptisch sein sollten. Irgendwann bleiben wir dann auf der Strecke, auf dem Schlachtfeld als unnötiger Ballast liegengelassen. Irgendwann stehen wir dann vor der absoluten Gewissheit.

World war
No one would believe me
No one’s a winner
No one’s a loser
Just a dead friend
(The Cure, World War, 1980)

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