„Und so tief bist du in das Wissen von Recht und Gerechtigkeit, von Unrecht und Ungerechtigkeit eingedrungen, daß dir ganz entgeht, wie die Gerechtigkeit und das Gerechte in Wahrheit der Vorteil des andern ist, nämlich des Mächtigen und Herrschenden, zugleich aber der eigene Schaden des Gehorchenden und Untertanen; wie andererseits die Ungerechtigkeit, das Gegenteil davon, über die wahrhaft Einfältigen und Gerechten herrscht, während die Untertanen nur den Vorteil des Mächtigen ausführen und ihn durch ihren Dienst glücklicher machen, sich selbst jedenfalls nicht.“ (Platon, Der Staat. Stuttgart 1994, S. 106f.)
Schneekristalle entstehen bei niedrigen Temperaturen und bilden sich in einer radialen hexagonalen Symmetrie aus. Bekanntermaßen gleicht ja keine Schneeflocke der anderen, was bei dem weltweiten schneeförmigen Niederschlag allerdings äußerst schwierig zu beweisen ist. Falsifikation wäre in diesem Fall der einfachere Weg des Beweisvorgangs als die Verifizierung, doch auch in diesem Fall haben sich schon unzählige Schneeforschende auf den Weg gemacht und die Kristalle unter die Lupe genommen, ohne diese Vermutung widerlegen zu können. Was allerdings bewiesen wurde, ist, dass die Umweltverschmutzung den symmetrischen Aufbau der Dendriten der Schneekristalle erheblich beeinflusst und so ein asymmetrisches Wachstum bedingt. Ein weiteres Beispiel dafür, wie der Mensch und seine Lebensweise die Perfektion und harmonische Balance der Natur stört. Was den Schneekristallen trotz ihrer Fähigkeit zur perfekten radialen Symmetriebildung im Gegensatz zum Menschen – neben einigen anderen hier nicht angeführten Eigenschaften – fehlt, ist die Fähigkeit zur Analogiebildung. Dazu ist unter den Lebewesen vielleicht nur der Mensch befähigt, dessen axiale Symmetrie, die im Tierreich hauptsächlich vorzufinden ist, ihn durch die Bewegungsachse stets nach vorne Richtung Zukunft und zum Fortschritt bewegt. Über eine Radialsymmetrie verfügen interessanterweise ausnahmslos Wasserlebewesen wie Quallen, Polypen, Seesterne oder Seeigel. An Land kommt diese Eigenschaft Blumen zu. Vielen Dank, auch dass mir diese kleine Ab- oder Ausschweifung augenzwinkernd verziehen wird. Menschen, und vermutlich gilt das für alles Leben – bedenke Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub zurückkehren wirst, heißt es in der Genesis und auch Schneeflocken kann Staub als Kristallisationskern dienen – sind individuell einzigartig, wie auch die jeweilige Einzigartigkeit ihrer Gedankenwelten und Vorstellungsuniversen. Auch in der Suche nach dem individuellen Glück könnte man annehmen, dass jeder Mensch eine einzigartige Vorstellung davon hat, was Glück ist, wären wir nicht so sehr dem Einfluss von Außenfaktoren ausgesetzt, der diese Balance zwischen Innen- und Außenwelt beträchtlich stört.
Manch eine/r mag sich noch an die Zeichentrickserie „Herr Rossi sucht das Glück“ von Bruno Bozzetto aus den 1960ern und 70ern erinnern, in dessen Titellied es hieß: „Andere können alles haben, können sich an Feinstem laben und von eben diesen Gaben möcht’ Herr Rossi auch was haben.“ Auf seinen Glücksreisen standen Herrn Rossi neben seinem treuen hündischen Weggefährten Gaston, ein Kyniker wie einst Diogenes von Sinope (ja genau, der aus dem Fass, dem Alexander der Große in der Sonne stand) und nebenbei Eigentum seines verhassten Chefs, allerlei Magie, gute Geister und mythologische Wesen bei, die ihm auf seiner Suche helfen sollten. Am Ende seiner Reisen und auf sich selbst zurückgeworfen sollte Herr Rossi dann aber feststellen müssen, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen und das Glück nur in einem selbst, im Gebrauch der eigenen Fantasie zu finden ist. Doch auch schon dem antiken Griechenland war nicht nur das Streben nach Glück bekannt, das unter dem Begriff der Eudaimonia Einzug in die Philosophie erhielt, sondern auch, dass dieser Zustand des Glücks nicht ganz ohne den Einfluss äußerlicher Kräfte – im Hedonismus sogar nur durch deren Einfluss – erlangt werden kann. Die Eudaimonie, also der gute Geist/Zustand, der gute Geisteszustand ist maßgeblicher Bestandteil der antiken Philosophie, geht es doch um ein ausgewogenes Verhältnis von Innen und Außen, Herrschaft und Gefolgschaft, Gesellschaft und Individuum wie auch dem Einbringen eigener Fähigkeiten, Wünsche und Vorstellungen, um selbst beglückt das Kollektiv in einem wahren Glücksrausch zu vereinen. So etwas nennt sich dann Gemeinwohl. Unglücklich sind wiederum diejenigen, die von allen guten Geistern verlassen wurden und einfach kein Glück haben/finden können, weil sie von einem Dämon, also von Pech, verfolgt werden. Interessanterweise war die Eudaimonie Teil der Ethik, da davon ausgegangen wurde, dass dieses Ideal das Ziel jedes Menschen sei und durch ein tugendhaftes, autarkes, selbstgenügsames Leben erreicht werden könne. Im Buddhismus ist das Ideal der Glückseligkeit nicht Teil des irdischen Daseins, bestenfalls ein Zustand im Nirvana, da – ähnlich der Bedürfnisökonomie – ein erreichter Zustand ins Gegenteil, ins Unglücklichsein übergeht. Dennoch hat das kleine, buddhistische Himalaya-Königreich Bhutan das Glück zum Staatsziel erklärt, die Förderung des „Bruttosozialglücks“ in seiner demokratischen Verfassung festgeschrieben und sich dazu verpflichtet, spirituelles Wohlbefinden und materiellen Wohlstand zu fördern. Im World Happiness Report von 2023 scheint Bhutan allerdings nicht mehr unter den 100 glücklichsten Ländern auf. Diesen führt zum wiederholten Male Finnland an, darauf folgen Dänemark, Island und Israel (!), die sich 2022 sogar an zweiter Stelle befanden. Österreich befindet sich am guten elften Rang. Wenig überraschend befinden sich alle skandinavischen Länder unter den Top 10. Soweit zu den Olympiaergebnissen. Sogar in den USA ist das „Streben nach Glück“ – als unabhängiges, gottgegebenes Recht wie das Recht auf Leben und Freiheit – in der Unabhängigkeitserklärung verankert, was wohl auch dazu führte, dass der Kapitalismus dermaßen gut Fuß fassen konnte und das Recht zu oft auch mit dem „Recht der/des Stärkeren“ verwechselt wurde.
Wohlstand kann neben Gesundheit, Prosperität und Selbstverwirklichung bestimmt als ein persönlicher Faktor fürs Glücklichsein angesehen werden – speziell, wenn man daran denkt, wie eng er zunehmend mit dem Gesundheitssystem und damit der Gesundheit verknüpft ist. Aber Geld alleine macht nicht glücklich (auch wenn man rechtzeitig darauf schaut, dass man’s hat, wenn man’s braucht), wie man an den von allen guten Geistern verlassenen Gesichtern des Bösen der Tyrannen sehen kann. Frieden, ein leistbares Sozial- und Gesundheitssystem, soziale Gerechtigkeit, faire Entlohnung bei ausreichenden Stellen und finanzielle Umverteilung sind weitere Faktoren, die ein kollektives Glücksgefühl erzeugen. Wir sind nicht alle von Geburt an gleich, die meisten zumindest aber an Rechten und Pflichten. In Bezug auf andere sollten wir dabei bedenken, dass nicht jede/r die gleichen Chancen hat. Das fängt mit dem Geburtsort an und hört bei der sozialen Zugehörigkeit der Familie auf. Der Staat sollte dafür sorgen, die eklatanten Unterschiede bei der Geburt zu minimieren, indem er sich dort Geld holt, wo es im Überfluss vorhanden ist, und jenen zukommen lässt, die es am notwendigsten brauchen. Zum Problem wird es allerdings, wenn die Spitze des Staates auch die Spitze der Gesellschaft ist, die es zu vertreten und zu verteidigen gilt. Dann sind auch die Kriege nicht mehr abzuwenden und die Chance auf Glück ist dahin – es sei denn, für ein Volk ist der Kriegszustand ein Glückszustand. Spätestens dann werden wir von allen guten Geistern verlassen und müssen uns mit den (eigenen) Dämonen herumschlagen.
„Ihn musst du im Auge haben, wenn du beurteilen willst, wieviel größeren persönlichen Vorteil er aus der Ungerechtigkeit als aus der Gerechtigkeit gewinnt. Am allerleichtesten erkennst du das, wenn du dir die vollendetste Ungerechtigkeit vorstellst, die den Ungerechten zum glücklichsten Menschen, die Geschädigten, die selbst nicht einmal ein Unrecht begehen wollten, zu den unseligsten macht. Das ist die Tyrannis: sie reißt das fremde Gut, ob es Göttern oder der Welt, Privaten oder dem Staat gehört, nicht im kleinen an sich, sei es heimlich oder mit Gewalt, sondern alles auf einmal.“ (Ebda. S. 107.)