23/06/2026

Zu Themen, die die Gesellschaft aktuell bewegen. Jeden 4. Dienstag im Monat

23/06/2026

striked out words, 2026

©: Severin Hirsch

Rückblick

Schön der Mensch
Wer leugnets

Schön
Sein aufrechter Gang
Seine Augen geniale Maler
Sein Wortschatz

Gefühl aus Feuer und Eis
Helle und dunkle Gedanken
Helle und dunkle Absichten

Schön der Mensch
Wer leugnets

Sein Drang zu schaffen
Menschen zu schaffen
Menschen aus der Welt zu schaffen

Mit schönen Händen
Städte bauend
Häuser mit mächtigen Öfen

Wer leugnet
Dass der helle Menschenverstand
Stehnbleibt
Vor den mächtigen Öfen
Der schönen Menschen

Rose Ausländer

 

1. Der Mensch braucht Grenzen

1642 postulierte Thomas Hobbes in seinem Werk De Cive in der Widmung an den Grafen von Devonshire William Cavendish das geflügelte Wort homo homini lupus – der Mensch (ist) dem Mensch ein Wolf -, das er selbst einer Komödie des lateinischen Dichters Plautus entnommen hatte und das im Original lupus est homo homini, non homo, quam qualis sit non novit (ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist) lautet. Da Hobbes als früher Staatstheoretiker, als Philosoph und Mathematiker aber eher dem Staat als den Menschen kritisch gegenüberstand, wie der Titel, der Inhalt und der metaphorische Staatsbegriff Leviathan des 1651 erschienenen Hauptwerks bewiesen, lohnt es sich nicht nur Hobbes Werke zu lesen, sondern auch seine Erläuterung in Anspruch zu nehmen: „Nun sind sicher beide Sätze wahr: Der Mensch ist ein Gott für den Menschen, und: Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen; jener, wenn man die Bürger untereinander, dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht. Dort nähert man sich durch Gerechtigkeit, Liebe und alle Tugenden des Friedens der Ähnlichkeit mit Gott, hier müssen selbst die Guten bei der Verdorbenheit der Schlechten ihres Schutzes wegen die kriegerischen Tugenden, die Gewalt und die List, d.h. die Raubsucht der wilden Tiere, zu Hilfe nehmen.“ (Thomas Hobbes, Grundzüge der Philosophie. Zweiter und dritter Teil. Lehre vom Menschen und Bürger. Leipzig 1918. S. 62f.) Schon 1513 widmete sich Niccoló Machiavelli in seinem Werk Il Principe, das Peter Sloterdijk in seinem 2026 erschienenen Buch Der Fürst und seine Erben: Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute wieder aufgegriffen hat, als erster neuzeitlicher Denker der Staatstheorie und – führung. Dabei handelt es sich mehr um ein Handbuch zum gerechten Herrschen für die Herrschenden, unter denen Machiavelli die Wölfe wohl eher angesiedelt sah. Fazit ist, dass der damaligen Art der Staatsführung, die 1655 in der angeblichen Aussage des Sonnenkönigs Ludwig XIV. L’Ètat c’est moi – der Staat bin ich kulminierte (und wurde sie nicht getätigt, so ist sie zumindest bezeichnend), auf theoretischer Ebene ein Riegel vorgeschoben werden musste. Die Annahme, dass Menschen Grenzen und Regeln brauchen, um Zugehörigkeit, Verantwortung und Identität zu empfinden, um Schutz voreinander und nach außen hin gewährleisten zu können, setzt voraus, dass wir uns ansonsten wie wilde Tiere gegenüber verhalten würden und zugleich schützenswerten Besitz zu verteidigen hätten. Eine Grenze – wie jeder Zaun, jede Mauer, sogar jede Hecke – zeigt Besitz an und grenzt ihn gleichzeitig ab. Doch wer waren die Besitzenden vor drei, vier, fünf Jahrhunderten, wer hatte überhaupt ein Recht auf Besitz? Es verwundert nicht, dass heute wieder viele sozialpolitisch Denkende in ihrer Theorie von einer Rückkehr des Feudalismus sprechen. Die Rückkehr des Feudalsystems ist freilich nichts Theoretisches und lässt sich neben der Aufteilung von Besitz auch am Umgang mit den Regeln, Gesetzen und den Menschen ablesen.

2. Der Mensch hat Grenzen

Spätestens seit den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts, der Kulturrevolution und 68-er Bewegung, und mit der postmodernen Theorie – allen voran der Poststrukturalismus unter der theoretischen Federführung Michel Foucaults – wurde immer deutlicher, wie seit der Aufklärung, der Französischen und der Industriellen Revolution systematisch Grenzen des Menschlichen überschritten, Grenzbereiche verschoben und die „Unantastbarkeit des Menschen“ missachtet wurden. Dabei handelte es sich in erster Linie und proportional zur Zeitachse zunehmend um Grenzüberschreitungen in ethischer Hinsicht, die davor durch moralisch-theologisch-religiöse Handlungskodices geschützt wurden. Die Erfahrung lehrt uns, dass Grenzen – welcher Art auch immer – nicht für alle(s) gleich sind und gelten. Während Bodenschätze und Waren problemlos Grenzen überwinden, werden Menschen, denen eigentlich der Schutz laut UN-Menschenrechtscharta garantiert werden müsste, oftmals durch die Grenze aufgehalten oder sie werden wieder zur vorherigen oder an den Start zurückgeschoben. Ähnliches passiert auch im Privaten, das zwar durch „unsere eigenen vier Wände“ eine formale Grenzziehung zum Öffentlichen erfährt, aber dennoch überschreitet Öffentliches zumeist unbemerkt die Grenze zum Privaten, nistet sich ein, breitet sich aus, durchdringt uns und verdrängt uns langsam in die Öffentlichkeit, sprich: das Private wird öffentlich. Dabei bedürfen alle Menschen Schutzzonen, um sich von Stress und Hetzerei, von Notlagen, Krisen- und Kriegssituationen zu erholen, um sich als Mensch und in Freiheit fühlen zu können. Jeder Mensch hat seine Grenzen, die nicht überschritten werden dürften, ob wir nun anderen Menschen oder höheren (Ordnungs-) Mächten gegenüberstehen. Aber während wir erstere in der Hoffnung auf gegenseitigen Respekt noch mit einem klaren „Stop!“ aufhalten können, ignoriert zweitere diese Grenze und schleicht subtil und heimlich in unser Innerstes, in unser Heim. Es wird Unheimlich. Die Ordnungsmacht, ich verwende diesen Begriff lieber als den des Staates, von dem ich nicht weiß, ob er – trotz seiner Grenzen, trotz der Wahlen – überhaupt noch mehr als nur formal existiert (der Formalinstaa), zieht ihre Grenzen im Inneren des Menschen, zerfurcht, zerklüftet, zerteilt, zerstückelt ihn und wirft die Stücke den Wölfen zum Fraß vor. In Stücken ist der Mensch besser zu (v)ertragen, leichter zu durchschauen (das weiß auch die Anatomie), zu erfassen, zu kategorisieren, katalogisieren und zu kontrollieren. Grenzen zwischen Bedürfnis und Handlung, zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Vorstellung und Leben, Gefühl und Gebärde. Diese Grenzen sind unsichtbar, weil sie nicht natürlich sind. Menschen machen Grenzen und Menschen werden durch Grenzen eingeschränkt und gestoppt. Nichts sonst auf dieser Welt erkennt solche Grenzen (an) – es sei denn, sie sind natürlich.

3. Grenzen machen Menschen

Ob es nun die inneren Zäsuren, Zerteilungen sind oder äußerliche Grenzen, hinterlassen sie ihre Spuren im Menschen und formen ihn von innen heraus. Dann hat es plötzlich oberste Priorität, die Grenzen eines Landes oder eines Kontinents, die ihrerseits von Fremdmächten beeinflusst, gesteuert, manipuliert und ausgehöhlt werden, mit dem Leben zu beschützen, zu verteidigen, damit alles, was unser ist, bei denjenigen bleibt, denen es gehört, die es beschlagnahmt, vereinnahmt und besetzt haben. Abertausende Flüchtige kommen bei ihrem Marsch ums Leben, die Ursachen sind meist die Gier, die Brutalität, die Gnadenlosigkeit anderer Menschen – die Staaten, die EU sehen tatenlos zu, in den meisten Fällen begünstigen sie sogar diese Taten, auch wenn sie das niemals zugeben würden, treten sie doch für die europäischen Werte und die christlich-abendländischen Traditionen ein, die es – auch zur Vermeidung ansteigenden Armut der eigenen Bevölkerung – gegen die Flüchtigen aus „fremden“ Kulturkreisen zu beschützen gilt. Der Staat hilft niemandem außerhalb seiner gesetzlichen Vorgaben, Menschlichkeit ist keine zu erwarten. Menschen helfen Menschen, wenn sie begreifen, dass die Grenzen zwischen Ländern, zwischen Kulturen künstlich geschaffen sind und nur der Erhaltung von Macht und Bereicherung einiger weniger dienen, und wenn sie erkennen, dass die Grenzen in ihren Köpfen und Körpern einzig und allein der Kontrolle und Manipulation ihrer selbst förderlich sind. Grenzen zu überschreiten ist manchmal notwendig und das einzig probate Mittel um Idealen wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit näher zu kommen. Nicht viele profitieren von Grenzen und diejenigen, die davon profitieren, kennen keine Grenzen. Zumindest gelten sie nicht für sie. Allein deshalb sollten wir uns mehr Gedanken als notwendig darüber machen, wohin wir unser Kreuz setzen. Geben wir unsere Stimme denjenigen, die an den Verhärtungen der Grenzen – in uns und um uns – arbeiten, an Abgrenzung, an Ausgrenzung, an Abschiebung, oder denjenigen, die Grenzen offenkundig abbauen versuchen und ihre Kreuze an den Wegesrändern der Flüchtlingsrouten setzen. Wählen wir Gott oder den Wolf oder die Grenze zwischen beiden oder wählen wir das grenzenlose Denken, das eine Göttin in jedem Wolf und eine Wölfin in jedem Gott sieht?

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