Der Frühling 1958 in Brüssel war optimistisch und nicht mehr so trist wie die Kriegsjahre zuvor. Auf das Gelände der Weltausstellung strömten Besucher durch gläserne Passagen und blieben vor dem deutschen Pavillon stehen. Sie sahen keine monumentalen Steinsäulen und keine heroischen Reliefs, sondern zwei schwebende Quader aus Stahl und Glas. Die Konstruktion von Egon Eiermann und Sep Ruf wirkte leicht und offen. Das Sonnenlicht drang ungehindert ins Innere. Die internationale Presse sprach von Transparenz, Offenheit und einem neuen Geist. Nur 13 Jahre zuvor war Deutschland noch in Schutt und Asche versunken. Nun präsentierte es sich als moderner und friedlicher Akteur auf der Weltbühne. Doch es blieb die Frage, ob diese gläserne Hülle wirklich Klarheit schuf oder ob sie gerade dadurch verdeckte, was man nicht sehen sollte.
Von Brüssel nach Karlsruhe
Zurück in Karlsruhe, wo Egon Eiermann fast zwanzig Jahre lang als Professor an der damaligen Technischen Hochschule, dem heutigen KIT, unterrichtete: Sein Name begegnet einem hier auf Schritt und Tritt. Im Architekturgebäude sitzt man im Egon-Eiermann-Hörsaal, und wer in den Westen der Stadt fährt, läuft oder radelt irgendwann über die Egon-Eiermann-Allee. Für viele Studierende ist das so selbstverständlich wie die Straßenbahn oder die Mensa, doch kaum jemand denkt dabei an die Biografie des Architekten.
Stimmen vom Campus
Ein Karlsruher Architekturstudent hat sich intensiv mit Eiermann beschäftigt. Er betont, dass Eiermann kein Mitglied der NSDAP war. Zwar habe er Aufträge im nationalsozialistischen System ausgeführt, sogar unter Albert Speer, aber fast alle Architekten hätten damals für das Regime gearbeitet. Seine Architektur habe sich jedoch deutlich von der propagandistischen Bauweise der Nationalsozialisten unterschieden. Statt massiver Monumente habe Eiermann funktionale und minimalistische Bauten mit offenen Formen geschaffen. Für ihn sei Eiermann vergleichbar mit Le Corbusier, beide seien umstritten, beide prägend. Deshalb findet er es angemessen, dass ein Hörsaal und eine Straße seinen Namen tragen. Gleichzeitig sei es wichtig, seine Rolle in der NS-Zeit nicht zu verschweigen.
Eine Studentin der Kunstgeschichte sieht es ähnlich, aber vorsichtiger. Sie sagt, es sei in Ordnung, solange die Menschen auch lernen, dass Eiermann eine Vergangenheit mit der NS-Zeit hatte. Architektur und Geschichte dürften nicht voneinander getrennt werden.
Eine andere Architekturstudentin betont, dass sie bisher kaum Berührung mit Eiermann hatte. Überrascht habe sie seine Nähe zum NS-System nicht, da viele Architekten in dieser Zeit verstrickt waren. Wichtig sei es, diese Vergangenheit nicht zu verharmlosen. Sie schlägt vor, beim Hörsaal eine Infotafel anzubringen, die auch diese Seite seiner Biografie zeigt.
Deutlich kritischer äußert sich eine Studentin der Bühnenkunst. Sie kannte Eiermann vorher nicht, findet es aber befremdlich, dass man Hörsäle und Straßen nach jemandem benennt, der im NS-System gearbeitet hat. Vergessen dürfe man das nicht.
Rückkehr zu Eiermann
Die Stimmen zeigen, wie vielschichtig der Blick auf Eiermann ist. Für die einen ist er ein Architekt der Moderne, für andere ein Name, der Fragen aufwirft. In Karlsruhe bleibt er sichtbar: im Alltag, auf Straßenschildern, an der Tür zum Hörsaal. Gerade deshalb stellt sich hier die Frage besonders deutlich: Was bedeutet Erinnerung heute? Und wie offen sind wir bereit, mit ihren Schatten umzugehen?
Kommentar der Autorin: Wege und Reihenfolgen der Erinnerung
Egon Eiermanns Nachkriegsarchitektur vermittelte mit Glasfassaden ein Bild von Transparenz und Offenheit, blendete aber zugleich Teile der Vergangenheit aus. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Zeigen und Verschweigen prägt auch die Erinnerungskultur.
In Deutschland hat sich eine abstrakte Form des Gedenkens etabliert. Das Jüdische Museum in Berlin mit seinen scharfen Einschnitten und das Holocaust-Mahnmal mit seinen endlosen Betonquadern sprechen durch Leere, Dunkelheit und Abwesenheit. Nichts wird erklärt, und gerade dadurch entsteht Wirkung.
In China dagegen setzt man auf Direktheit. Das Nanjing-Massaker-Memorial zeigt Fotos der Opfer, persönliche Gegenstände, Knochenfunde. Auch das Museum zur Einheit 731 konfrontiert Besucher ohne Umwege mit dem Schrecken. Keine Metaphern, kein Verstecken, sondern eine schonungslose Klarheit.
Doch Erinnerung folgt nicht nur unterschiedlichen Formen, sondern auch unterschiedlichen Reihenfolgen. Gedenken, Anklage und das spätere Verblassen sind Stationen im Umgang mit Vergangenheit. Entscheidend ist, in welcher Ordnung sie erscheinen. Ein Täterland muss zunächst ehrlich gedenken und öffentlich anklagen, bevor es zur Beruhigung und Neutralisierung übergehen kann.
Japan zeigt ein Gegenbeispiel. Dort fehlt eine umfassende Erinnerungskultur für ausländische Opfer, im Unterricht wird die Aggression verharmlost, im Yasukuni-Schrein werden sogar Kriegsverbrecher geehrt. Deutschland hat dagegen eine Haltung entwickelt, die international als vorbildlich gilt, weil Architektur und Bildung, Anklage und Gedenken miteinander verbunden werden.
Zwei Wege der Erinnerung, zwei Ordnungen des Umgangs mit Geschichte. Abstraktion kann zum Nachdenken zwingen, Direktheit macht das Grauen unausweichlich. Doch Erinnerung darf niemals bequem sein. Sie muss unbequem bleiben, sonst wird Geschichte zur Kulisse und damit zur Gefahr für die Zukunft.